Memorandum zur Kultur- und Forschungsarbeit der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V.

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Die Aufnahme der Deutschen aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion wurde vom Deutschen Bundestag und der Bundesregierung damit begründet, dass

 

-        es sich um Personen mit einem kollektiven Kriegsfolgenschicksal handle, für die eine Wiedergutmachung für Schäden und Nachteile, die sie durch den Nationalsozialismus erlitten haben, zu leisten sei,

-        die Zuwanderung ein spürbarer Beitrag zur Minderung des demographischen Problems in Deutschland sei.

 

Die Landsmannschaft kann als Vertreterin der Interessen der Deutschen aus Russland, die mit ca. 2,8 Mio. Personen inzwischen einen signifikanten Teil der deutschen Bevölkerung stellen, nicht umhin, den Dank an die Bundesregierung für die Aufnahme durch Hinweise auf Defizite und Fehlentwicklungen zu ergänzen.

 

Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, dass es Härtefälle bei der Familienzusammenführung gibt, denen auch durch das im Dezember 2011 in Kraft getretene 9. Gesetz zur Änderung des Bundesvertriebenengesetzes nur in sehr wenigen Fällen abgeholfen wird.

 

Die reduzierte Anrechnung von Rentenanwartschaften hat zu einer zunehmenden Altersarmut bei Deutschen aus Russland geführt, während ihre berufstätigen Familienmitglieder die Sozialabgaben in voller Höhe entrichten und damit einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme leisten. Durch diese Praxis wird der Generationenvertrag in eklatanter Weise verletzt.

 

Die kulturelle und gesellschaftliche Integration der Deutschen aus Russland verläuft aufgrund ihres vorbildlichen Engagements und dank der Unterstützung durch Kommunen sowie kirchliche und gesellschaftliche Organisation vielerorts gut, auch wenn noch viele Wünsche offen sind und nicht alle Möglichkeiten optimal genutzt werden.

 

Die Förderung des Bundes nach § 96 BVFG läuft dagegen seit 20 Jahren am Bedarf der Deutschen aus der GUS weitestgehend vorbei bzw. konnte nicht bedarfsgerecht abgerufen und genutzt werden. Es gab lediglich eine kurze Zeitspanne, während der das Bundesministerium des Innern im wissenschaftlichen Bereich den Stiftungslehrstuhl an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Prof. Dr. D. Brandes) und den Göttinger Arbeitskreis e.V. institutionell sowie die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. (zwei Stellen für Kulturreferenten) als Projekt förderte.

 

Mit der Umwidmung des Stiftungslehrstuhls in Düsseldorf ging der einzige Lehrstuhl an einer Universität, dessen Zweckbestimmung die Forschung und Lehre über die deutsche Kultur und Geschichte im Osten Europas war, verloren.

 

Mit der Zusammenlegung der Personal- und Sachmittel aus der institutionellen Förderung des Göttinger Arbeitskreises mit dem Nordostdeutschen Kulturwerk zu einem Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordost-Europa e.V. wurde der Abbau der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zur Erforschung und Präsentation der Kultur und Geschichte der Deutschen im Russischen Reich, in der Sowjetunion und in deren Nachfolgestaaten eingeleitet. Die in den 1990er Jahren geknüpften Kontakte mussten einer nach dem anderen aufgegeben werden, so dass gegenwärtig kein einziges grenzüberschreitendes Projekt mehr bearbeitet wird. Dieser Trend war schon 2004 klar erkennbar.

 

Die Landsmannschaft war in den vergangenen Jahrzehnten in erster Linie mit der sozialen und beruflichen Integration der Aussiedler befasst. Auf ehrenamtlicher Basis haben unsere Sozialreferenten seit den 1990er Jahren über 1 Mio. offiziell verbuchte Beratungsstunden geleistet (inoffiziell waren es noch weitaus mehr!) und damit in erheblichem Umfang staatliche Aufgaben übernommen. Zu diesem Zweck wurde ein Großteil der Mittel des Vereins (Mitgliedsbeiträge und Spenden unserer wirtschaftlich oft noch schwachen Vereinsmitglieder) eingesetzt, wodurch der kulturelle Bereich notgedrungen zu kurz kam.

 

Das Vertrauen darauf, dass staatliche Stellen den Einsatz für das Gemeinwohl würdigen und uns in kulturellen Belangen unterstützen würden, wurde schwer enttäuscht. Nach heutigem Stand sind die Deutschen aus Russland die einzige historisch gewachsene Bevölkerungsgruppe, für die es kein Landeszentralmuseum, kein Archiv, kein Forschungsinstitut, keine Referenten für die kulturelle Breitenarbeit und nur sporadisch und in unzureichendem Umfang Projektförderung aus Restmitteln gibt. Dieser Zustand ist so nicht hinnehmbar, weil grundlegende Bedürfnisse von Bundesbürgern und Steuerzahlern außer Acht gelassen und Chancen für eine umfassende Integration der Aussiedler eine nach der anderen versäumt werden.

 

Das Ausmaß der aktuell zu bearbeitenden Projekte übersteigt die Möglichkeiten unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter bei weitem. Sie könnten nur durch eine Professionalisierung unter Heranziehung von fach-, landes- und sprachkundigen Personen Erfolg versprechend umgesetzt werden. Eine angemessene Berücksichtigung von dafür qualifizierten Personen aus den Reihen der Deutschen aus Russland bietet sich nicht nur an, sondern ist erforderlich, will die Politik sich nicht erneut dem Vorwurf einer Missachtung und Bevormundung ausgesetzt sehen.

 

Im wissenschaftlichen Bereich betrachten wir als vordringlich die Schaffung einer Forschungseinrichtung, die den im Bereich der außeruniversitären Forschung üblichen Standards und Anforderungen entspricht. Eine Anbindung an eine Universität, an der Neuere Geschichte und/oder Osteuropäische Geschichte und slawische Sprachen unterrichtet werden, gäbe dieser Universität ein zusätzliches Lehrangebot und würde den in der Forschungseinrichtung beschäftigten Wissenschaftlern die Möglichkeit zur Weitergabe ihrer Kenntnisse an Studierende verschaffen.

 

Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine Anbindung des Bereichs „Kultur und Geschichte der Deutschen im Russischen Reich, in der Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten“ an die Universität Hamburg wirkungslos war. Innerhalb von zehn Jahren gab es keine einzige Lehrveranstaltung der beiden Göttinger Mitarbeiter des Nordost-Instituts und keinen einzigen Vortrag an der Universität Hamburg oder in einer Vortragsreihe des Nordost-Instituts.

 

In enger Zusammenarbeit mit der Forschungseinrichtung sollten ein Landeszentralmuseum mit einem Archiv und einer Fachbibliothek aufgebaut werden. Neben etatisierten MitarbeiterInnen sind ergänzend Zeitverträge und Hilfskräfte sowie entsprechende Sachmittel erforderlich.

 

Ein Verbund, bestehend aus den genannten vier Einrichtungen, wäre in der Lage, mittel- und langfristige Forschungs- und Publikationsvorhaben in eigener Regie wie auch in grenzüberschreitender Zusammenarbeit durchzuführen.

 

Die Erfahrungen des Instituts für Deutschland- und Osteuropaforschung des Göttinger Arbeitskreises e.V. aus den Jahren 1990 bis 2001 zeigen, dass bei entsprechender Fachkompetenz und Einsatzbereitschaft eine erfolgreiche Tätigkeit möglich ist.

 

Eklatante Forschungslücken klaffen über Regionen und Staaten wie Sibirien und Kasachstan sowie die Republiken Zentralasiens und des Transkaukasus. Es ist schon bemerkenswert, dass sich ein von der Republik Aserbaidschan gestifteter Lehrstuhl am Rande mit den Deutschen in Aserbaidschan und Georgien und freikirchliche Aussiedlergemeinden, ebenfalls auf wissenschaftlicher Basis, mit den Deutschen in Sibirien und Kasachstan befassen.

 

Mittel des § 96 BVFG wurden für derartige Maßnahmen nicht in nennenswertem Umfang zur Verfügung gestellt. Eine Ausnahme waren Projekte des Göttinger Arbeitskreises in den 1990er Jahren.

 

Für den Bereich der kulturellen Breitenarbeit, der in den Zuständigkeitsbereich der Landsmannschaft mit ihren zahlreichen Landes-, Kreis- und Ortsgruppen sowie ihres Jugendverbandes, des Jugend- und Studentenrings der Deutschen aus Russland, gehört, besteht Bedarf an:

 

-        hauptamtlich tätigen Kulturreferenten;

-        einem dritten Projektleiter für die Wanderausstellung „Volk auf dem Weg. Geschichte und Gegenwart der Deutschen aus Russland“ der Landsmannschaft, die in Schulen, Volkshochschulen, anderen Bildungseinrichtungen, Rathäusern und Landratsämtern gezeigt wird (gegenwärtig liegen rund 300 Voranmeldungen vor);

-        einer Wanderausstellung über die Deutschen im Schwarzmeergebiet („Odessa-Deutsche“);

-        einer Wanderausstellung über die Deutschen in Kasachstan (1989 lebten dort über 1 Mio. Deutsche);

-        einem Sonderband „Lebensräume und -formen der Deutschen in Russland. 1763-2013“;

-        jährlich einem Heimatbuch der Deutschen aus Russland (diese Heimatbücher, in denen Zeitzeugenberichte sowie wissenschaftliche, publizistische und künstlerische Beiträge zusammengefasst sind, wirken identitätsstiftend und klären die einheimische Bevölkerung über das Schicksal der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion auf; );

-        Sonderveröffentlichungen zu besonderen Jahrestagen und Ereignissen;

-        Mitteln für die Unterstützung der bildenden Künstler, Schriftsteller und Musiker (Kurzzeitstipendien, Lesungen, Ausstellungen, Vortragsreihen);

-        Mitteln für grenzüberschreitende Projekte (Partnerschaften, Kulturveranstaltungen);

-        Mitteln für die Durchführung von Interviews mit Zeitzeugen, damit dieser Teil der deutschen Geschichte im Osten Europas nicht restlos verloren geht.

 

Von Vertretern der Politik und der Kirchen ist oft zu hören, Deutsche aus Russland seien eine Bereicherung für Deutschland, sie seien eine Brücke der Verständigung zu den Ländern und Völkern Russlands und der GUS, somit wirksame Botschafter der Volksdiplomatie. Dieser Einschätzung stimmen wir zu. Wir müssen aber gleichzeitig mit großer Sorge zur Kenntnis nehmen, dass die für die oben genannten Aufgaben erforderliche Unterstützung des Bundes ausbleibt, worin wir durchaus einen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes sehen.

 

Hier ist eine von Grund auf andere Einstellung des Bundes und der Länder erforderlich, die, wenn nicht anders möglich, in einem Staatsvertrag geregelt werden sollte. Die Bundesrepublik Deutschland hat mit Staatsverträgen mit Bundesbürgern mit einem besonderen Schicksal gute Erfahrungen gemacht, die auch auf die Deutschen aus Russland übertragen werden könnten.

 

 

 

 

 

 

 

Adolf Fetsch                                                           Dr. Alfred Eisfeld

Bundesvorsitzender                                     stellvertretender Bundesvorsitzender

Vorsitzender des Kulturausschusses

1. September 2012: Gedenkfeier der Landsmannschaft in Friedland

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Die zentrale Gedenkfeier der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland findet auch in diesem Jahr unter Federführung der Landesgruppe Niedersachsen mit ihrer Vorsitzenden Lilli Bischoff im Grenzdurchgangslager Friedland statt. Wir treffen uns dort am 1. September (Samstag) ab 13.30 Uhr und laden Sie ganz herzlich zur Teilnahme ein.

 

Die Veranstaltung steht unter der Schirmherrschaft des Niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister, der auch die Festrede hält.

Ministerpräsident David McAllister

Leontine Wacker als Landesvorsitzende wieder gewählt

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Am 30. Juni 2012 fand im Haus der Bessarabiendeutschen in Stuttgart die ordentliche Landesdelegiertenversammlung Baden-Württemberg der Landsmannschaft statt.

 

Rund 50 Delegierte aus den baden-württembergischen Orts- und Kreisgruppen waren zusammengekommen, um einen neuen Vorstand zu wählen. Die Landesvorsitzende Leontine Wacker begrüßte die Delegierten und bedankte sich beim Bundesvorsitzenden Adolf Fetsch im Namen aller Delegierten für seine Bereitschaft, die Versammlung zu leiten.

In seinem Grußwort ging der Bundesvorsitzende auf zahlreiche Themen ein, die für unsere Landsleute von Bedeutung sind. Er sprach unter anderem davon, dass wir leider immer noch kein zentrales Museum, kein Kulturzentrum haben und dass es an keiner einzigen Universität in Deutschland einen Lehrstuhl für die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen gibt, obwohl heute 2,8 Millionen unserer Landsleute in Deutschland leben. Obwohl die Kulturmittel drastisch gekürzt worden seien, müsse die Kulturarbeit auf Landes-, Orts- und Bundesebene weitergehen.

Anschließend berichtete Leontine Wacker über die Aktivitäten des Landesvorstandes in den vergangenen drei Jahren. Für die verhinderte Kassenwartin (Kuraufenthalt) Ida Jobe trug Edith Klein den Kassenbericht vor, während Erna Pacer (Ortsgruppe Karlsruhe) für die Kassenprüfer sprach.

Nachdem der alte Vorstand einstimmig entlastet worden war, wurde über die Besetzung des neuen Vorstandes in geheimer Wahl abgestimmt, wobei Leontine Wacker (Ortsgruppe Stuttgart) einstimmig als 1. Vorsitzende wieder gewählt wurde.

Die weiteren Vorstandsmitglieder (zusätzlich die Aufgabenverteilung nach der konstituierenden Sitzung vom 19. Juli):

Ida Jobe, Ortsgruppe Oberschwaben-Allgäu, stellvertretende Vorsitzende, Kassenwartin;

Ludmilla Holzwarth, Ortsgruppe Stuttgart, stellvertretende Vorsitzende, Kulturreferentin;

Ernst Strohmaier, Ortsgruppe Stuttgart, stellvertretender Vorsitzender, Öffentlichkeitsarbeit;

Edith Klein, Ortsgruppe Ostalbkreis, Schriftführung;

Nikolai Magal, Ortsgruppe Ostalbkreis, Jugendarbeit;

Pius Lutz, Ortsgruppe Oberschwaben-Allgäu, Integration.

Der Landesvorstand macht darauf aufmerksam, dass die nächste Landes-Kultur- und Mitarbeitertagung am 27./28. Oktober in Heidelberg stattfindet. Ausführliches dazu und weitere Termine sowie Informationen werden den Ortsgruppenvorsitzenden per Rundschreiben mitgeteilt.

            Edmund Siegle, Ernst Strohmaier