250 Jahre Einladungsmanifest Bundesdelegiertenversammlung Bundestreffen

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Ein ereignisreiches Jahr hat begonnen

Adolf Fetsch

Adolf Fet­sch

Mit einem Rück­blick auf das zu Ende gegan­gene Jahr 2012 und einem detail­lier­ten Aus­blick auf das ereig­nis­rei­che Jahr 2013 wandte sich der Bun­des­vor­sit­zende der Lands­mann­schaft der Deut­schen aus Russ­land, Adolf Fet­sch, am 11. Januar an die Teil­neh­mer des Neu­jahrs­emp­fangs der Lan­des­gruppe Nord­rhein-West­fa­len in der Heim­volks­hoch­schule St.-Hedwigs-Haus in Oer­ling­hau­sen. Nach­ste­hend grö­ßere Aus­züge aus sei­ner Anspra­che:

In einem Jahr ohne Bun­des­tref­fen und Bun­des­de­le­gier­ten­ver­samm­lung stand für die Lands­mann­schaft 2012 ganz im Zei­chen der Erin­ne­rung an zwei ver­häng­nis­volle Ereig­nisse in der Geschichte der Deut­schen in der ehe­ma­li­gen Sowjet­union:

• Zum einen war es der „Große Ter­ror“ der sog. sta­li­nis­ti­schen Säu­be­run­gen, die in den Jah­ren 1937 und 1938 ihren trau­ri­gen Höhe­punkt hat­ten und nicht weni­ger als 55.000 Deut­schen des Lan­des das Leben kos­te­ten.

• Und zum ande­ren die Ein­be­ru­fun­gen von deut­schen Frauen, Män­nern und Jugend­li­chen in die sowje­ti­schen Zwangs­ar­beits­la­ger, die gleich­falls einen hohen Blut­zoll for­der­ten.

Die zen­trale Gedenk­feier wurde unter der Lei­tung der Lan­des­gruppe Nie­der­sach­sen mit ihrer Vor­sit­zen­den Lilli Bisch­off wie schon in den Jah­ren davor im Grenz­durch­gangs­la­ger Fried­land durch­ge­führt. Die Schirm­herr­schaft hatte der nie­der­säch­si­schen Minis­ter­prä­si­dent David McAl­lis­ter über­nom­men, der ebenso wie Herr Dr. Ber­g­ner eine der Fest­re­den hielt.

Dar­über hin­aus hat­ten wir in unse­rem Haus der Deut­schen aus Russ­land in Stutt­gart eine Aus­stel­lung zusam­men­ge­stellt, die unter dem Titel „Jahre des Ter­rors“ den genann­ten Ereig­nis­sen gewid­met war und neben the­men­ge­bun­de­nen Wer­ken der russ­land­deut­schen Künst­ler Michael Dis­ter­heft und Vik­tor Hurr Aus­stel­lungs­ta­feln und Texte prä­sen­tierte. Flan­kiert wurde die Aus­stel­lung durch eine Ver­an­stal­tungs­reihe mit Vor­trä­gen russ­land­deut­scher His­to­ri­ker und Lite­ra­ten.

Ich bin der Auf­fas­sung, dass diese Aus­stel­lung ein wesent­li­cher Bei­trag zu den Bemü­hun­gen der Lands­mann­schaft war, die Kul­tur und Geschichte der Deut­schen aus Russ­land einem brei­te­ren Publi­kum zugäng­lich zu machen.

Mit ein wenig Ver­spä­tung konn­ten wir außer­dem das Gedenk­buch „Dunkle Jahre“, in dem Bei­träge von His­to­ri­kern, Publi­zis­ten, Ver­tre­tern der Kir­chen, Schrift­stel­lern und Zeit­zeu­gen zusam­men­ge­stellt sind, unse­ren Mit­glie­dern über­sen­den.

Nach den tra­gi­schen Anläs­sen des Geden­kens in den Jah­ren 2011 und 2012 ste­hen in die­sem Jahr und dem fol­gen­den erfreu­li­chere Jubi­läen an.

2013 jährt sich zum 250. Male die Ver­öf­fent­li­chung des Ein­la­dungs­ma­ni­fests der Zarin Katha­rina II. vom 22. Juli 1763, der im Jahr dar­auf die Grün­dung der ers­ten deut­schen Kolo­nien an der Wolga folgte. Für die Deut­schen in Russ­land bzw. spä­ter in der Sowjet­union begann damit eine Geschichte der Wol­ga­be­sied­lung, die nach schwe­ren und opfer­rei­chen Anfangs­jahr­zehn­ten zu wirt­schaft­li­chem Auf­schwung und Wohl­stand im 19. Jahr­hun­dert und zur Grün­dung einer Auto­no­men Wol­ga­re­pu­blik im 20. Jahr­hun­dert führte, ehe dann im 1941 der Weg in die Ver­ban­nung und die tod­brin­gen­den Zwangs­ar­beits­la­ger begann.

Unser 31. Bun­des­tref­fen, das wir vor­aus­sicht­lich am 29. Juni 2013 in der baye­ri­schen Groß­stadt Augs­burg durch­füh­ren, wird ganz die­sem Jubi­läum gewid­met sein und einen wei­te­ren wesent­li­chen Bei­trag unse­res Ver­ban­des dar­stel­len, die Inte­gra­tion der Geschichte und Kul­tur der Deut­schen in Russ­land sowie in der Sowjet­union und ihren Nach­fol­ge­staa­ten in die all­ge­meine deut­sche Geschichts­schrei­bung vor­an­zu­trei­ben.

Dar­über hin­aus wol­len wir durch die Dar­stel­lung der hohen Inte­gra­ti­ons­be­reit­schaft der Deut­schen aus Russ­land und ihrer vor­bild­li­chen Inte­gra­ti­ons­er­folge einen wesent­li­chen Bei­trag zur Stei­ge­rung ihrer Akzep­tanz durch die ein­hei­mi­sche Bevöl­ke­rung leis­ten. Künst­le­ri­sche Dar­bie­tun­gen im Rah­men eines Kul­tur­fes­tes und Prä­sen­ta­tio­nen ver­schie­de­ner Aspekte der lands­mann­schaft­li­chen Arbeit — Jugend, Sozi­al­be­reich, Publi­ka­tio­nen, Aus­stel­lun­gen usw. — wer­den das Bild abrun­den und eine aktive Volks­gruppe und ihren Ver­band zei­gen.

Am Vor­tag des Bun­des­tref­fens wird in Augs­burg eine wis­sen­schaft­li­che Tagung mit anschlie­ßen­der Podi­ums­dis­kus­sion aus Anlass des 250. Jah­res­ta­ges der Ein­la­dung von Katha­rina II. zur Ein­wan­de­rung nach Russ­land statt­fin­den.

Mit der Nen­nung eini­ger der The­men, die bei der Kon­fe­renz behan­delt wer­den sol­len, darf ich Ihnen schon heute den Mund wäss­rig machen:

• öko­no­mi­sche, poli­ti­sche und kul­tu­relle Umbrü­che im Wol­ga­ge­biet zwi­schen 1871 und 1941,

• Aspekte der wol­ga­deut­schen Spra­che,

• Gründe und Ablauf der Aus­wan­de­rung aus Hes­sen,

• deut­sche Spu­ren an der Wolga,

• Hei­mat im Her­zen,

• Volks­kund­li­ches in der Ver­bin­dung zwi­schen Hes­sen und Wolga.

Zusam­men mit ande­ren Bei­trä­gen wol­len wir eine statt­li­che Publi­ka­tion her­aus­brin­gen, die dem gewich­ti­gen Anlass der Jubi­lä­ums­fei­er­lich­kei­ten gerecht wird.

Eine wei­tere Publi­ka­tio­nen mit klei­ne­rem Umfang beab­sich­tigt die Lan­des­gruppe Bay­ern mit Unter­stüt­zung des Baye­ri­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums für Arbeit und Sozi­al­ord­nung, Fami­lie und Frauen zu ver­öf­fent­li­chen, wäh­rend die Orts- und Kreis­gruppe Augs­burg zum Bun­des­tref­fen eine eigene Bro­schüre vor­le­gen wird.

Des Wei­te­ren erwähne ich das gemein­sam mit dem Hes­si­schen Sozi­al­mi­nis­te­rium rea­li­sierte Archiv­pro­jekt zur Aus­wan­de­rung in das Wol­ga­ge­biet, des­sen Ergeb­nisse wir eben­falls zum Bun­des­tref­fen ver­öf­fent­li­chen wol­len.

Erin­nern wer­den wir in die­sem Jahr auch an den 210. Jah­res­tag des Beginns der Aus­wan­de­rung in das Schwarz­meer­ge­biet; aus die­sem Anlass wird, so hof­fen wir, in Baden-Würt­tem­berg ein Pro­jekt zustande kom­men.

2014 steht dann im März der 70. Jah­res­tag der so genann­ten admi­nis­tra­ti­ven Umsied­lung aus dem Schwarz­meer­ge­biet in den Wart­he­gau an.

Eine beson­dere Her­zens­an­ge­le­gen­heit ist mir die Schaf­fung eines Katha­ri­nen-Prei­ses mit der Zarin als Namens­ge­be­rin, die nach län­ge­rer Vor­laufs­zeit nun­mehr gute Chan­cen auf Ver­wirk­li­chung besitzt und von der wir uns eine Stei­ge­rung der Außen­wir­kung der Lands­mann­schaft erwar­ten.

Der Katha­ri­nen-Preis soll an natio­nale und inter­na­tio­nale Per­sön­lich­kei­ten bzw. Ein­rich­tun­gen der Poli­tik, des Geis­tes­le­bens oder der Wirt­schaft ver­lie­hen wer­den, die sich beson­dere Ver­dienste um die Deut­schen aus Russ­land bzw. der ehe­ma­li­gen Sowjet­union erwor­ben haben. Er soll bei Bun­des­tref­fen – erst­mals in Augs­burg 2013 – oder ande­ren zen­tra­len Ver­an­stal­tun­gen des Ver­ban­des durch des­sen Bun­des­vor­sit­zen­den ver­lie­hen wer­den.

Bei der Umset­zung von Vor­ha­ben wie den genann­ten kön­nen wir zwar auf zahl­rei­che eigene Kräfte bauen, sind letzt­end­lich aber auch auf externe Unter­stüt­zung ange­wie­sen.

Wir haben daher gerade in den letz­ten Mona­ten und Jah­ren die Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Ein­rich­tun­gen und Orga­ni­sa­tio­nen aus­ge­baut, von denen ich neben dem Bun­des­in­nen­mi­nis­te­rium mit Herrn Dr. Ber­g­ner und den Lan­des­re­gie­run­gen von Baden-Würt­tem­berg, Nord­rhein-West­fa­len, Bay­ern, Hes­sen oder Nie­der­sach­sen an die­ser Stelle zwei erwäh­nen will:

• unsere Part­ner­or­ga­ni­sa­tio­nen in der Rus­si­schen Föde­ra­tion

• und die „Deut­sche Gesell­schaft“, ein ein­ge­tra­ge­ner Ver­ein zur För­de­rung poli­ti­scher, kul­tu­rel­ler und sozia­ler Bezie­hun­gen in Europa.

Wie Sie wis­sen, fin­det in weni­gen Mona­ten die Bun­des­de­le­gier­ten­ver­samm­lung unse­res Ver­ban­des statt.

Unter ande­rem wer­den wir dort die Anpas­sung der Sat­zung der Lands­mann­schaft an die Anfor­de­run­gen der Gegen­wart erneut auf die Tages­ord­nung set­zen. Damit fol­gen wir dem Beschluss der Außer­or­dent­li­chen Bun­des­de­le­gier­ten­ver­samm­lung, die im Mai 2011 in Fulda statt­ge­fun­den hat.

Für genauso wich­tig halte ich den wei­te­ren Aus­bau der lands­mann­schaft­li­chen Jugend­ar­beit und die ver­stärkte Ein­bin­dung des Jugend- und Stu­den­ten­rings der Deut­schen aus Russ­land in unsere Arbeit sowie die Inten­si­vie­rung unse­rer Kul­tur- und Öffent­lich­keits­ar­beit, deren Grund­prin­zi­pien wir in einem Memo­ran­dum fest­ge­hal­ten haben, das breit gestreut an die poli­ti­sch Zustän­di­gen auf Bun­des- und Län­der­ebene gegan­gen ist.

Als gegen­wär­tige Auf­ga­ben im Bereich der Poli­tik und Sozi­al­po­li­tik haben wir für die Lands­mann­schaft die fol­gen­den for­mu­liert.

• Es bleibt unsere Pflicht, der Öffent­lich­keit objek­tive Infor­ma­tio­nen zur Geschichte der russ­land­deut­schen Volks­gruppe zu ver­mit­teln und ihr ein rea­li­täts­ge­rech­tes Bild der Inte­gra­ti­ons­be­reit­schaft und der Inte­gra­ti­ons­leis­tun­gen der Deut­schen aus Russ­land zu ent­wer­fen.

• Es wird unsere Auf­gabe blei­ben, die Fort­set­zung der Aus­sied­lung aus den Staa­ten der ehe­ma­li­gen Sowjet­union in ange­mes­se­nem Umfang zu ermög­li­chen und Fami­li­en­tren­nun­gen zu ver­hin­dern.

• Zur Ver­mei­dung von Fami­li­en­tren­nun­gen ste­hen wir in stän­di­gem Kon­takt mit dem Bun­des­in­nen­mi­nis­te­rium und dem Bun­des­ver­wal­tungs­amt. Gegen­wär­tig sehen wir rea­lis­ti­sche Chan­cen, dass eine Initia­tive der Nie­der­säch­si­schen Lan­des­re­gie­rung, die wir aus­drück­lich unter­stüt­zen, zu einer Erleich­te­rung beim Nach­zug von Fami­li­en­tren­nun­gen in Här­te­fäl­len füh­ren wird. Sowohl im Bun­des­rat als auch beim Bei­rat für Spät­aus­sied­ler­fra­gen beim BMI hat es dafür Mehr­hei­ten gege­ben.

• Gleich­falls wird es unsere Auf­gabe blei­ben, gerechte Rege­lun­gen in den Berei­chen Rente sowie Aner­ken­nung von Aus­bil­dungs­gän­gen und beruf­li­chen Qua­li­fi­ka­tio­nen ein­zu­for­dern.

Teil­weise sehr posi­tiv hat sich die Ein­be­zie­hung der Lands­mann­schaft in poli­ti­sche Ent­schei­dungs­pro­zesse und grenz­über­schrei­tende Maß­nah­men der Bun­des­re­gie­rung ent­wi­ckelt.

Beson­ders betrifft das die regel­mä­ßige Teil­nahme an den Sit­zun­gen des Aus­sied­ler­bei­ra­tes und der Deut­sch-Rus­si­schen und Deut­sch-Kasa­chi­schen Regie­rungs­kom­mis­sion sowie den Bereich der Part­ner­schaf­ten zwi­schen Glie­de­run­gen der Lands­mann­schaft und Ver­bän­den der Deut­schen in den Staa­ten der ehe­ma­li­gen Sowjet­union.

Nicht uner­wähnt will ich schließ­lich las­sen, dass die Lands­mann­schaft durch Herrn Dr. Eis­feld und mich im wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat bzw. im Stif­tungs­rat der Stif­tung „Flucht, Ver­trei­bung, Ver­söh­nung“ ver­tre­ten ist und es uns immer stär­ker gelingt, Aspekte der russ­land­deut­schen Geschichte in das all­ge­meine Blick­feld zu rücken.