4. Treffen der Deutschen Gemeinschaften Lateinamerikas

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Künstler Andreas Prediger beim 4. Treffen der Deutschen Gemeinschaften Lateinamerikas, 2006

Bei den Wolgadeutschen in Argentinien

Treffen der Deutschen Gemeinschaften Lateinamerikas in Parana

Am 07. -09. September 2006 fand das 4. Treffen der Deutschen Gemeinschaften Lateinamerikas (FMG) in der argentinischen Provinzhauptstadt Parana (Provinz Entre Rios) statt, zu dem mein Vater, Andreas Prediger, offiziell eingeladen worden war. Ich begleitete ihn bei der zweiwöchigen Reise. Unsere Gastgeber waren Sylvester Prediger und seine Frau Elisabeth, deren Kinder und Enkel wir ebenfalls näher kennen lernten. Der Vater hatte ihn bei der Kulturtagung der Wolgadeutschen in Kassel kennengelernt. Außerdem betreute uns auch Alexander Heit. Es ist beeindruckend, wie sich die Wolgadeutschen bemühen, in einer ganz anderen Kultur ihre Lebensweise und ihre Sprache zu erhalten. Die Verständigung in deutscher Sprache, d.h. im ererbten Dialekt der Wolgadeutschen, gestaltete sich mit der älteren Generation problemlos; die Kinder und Enkel sprechen zwar spanisch, haben aber im Kindergarten und in der Schule die Möglichkeit, Deutsch zu lernen. Und es gibt zahlreiche Vereine, die sich der Pflege der deutschen Sprache und Kultur widmen.

Santa Anita – vor 100 Jahren von wolgadeutschen gegründet

Die Zeit zwischen den beiden Großereignissen (4. Treffen der FMG und das der Wolgadeutschen Vereinigung „Der Große Himmelsring“ am 16.09.) war gefüllt mit den Besuchen mehrerer wolgadeutscher Ansiedlungen in verschiedenen Provinzen. In vielen Orten war der Besuch einer Musikgruppe der Russlanddeutschen mit Jakob Fischer über Weihnachten 2005 (VadW berichtete im Februar 2006) in guter Erinnerung. Zwei Ausflüge möchte ich besonders hervorheben.

Der erste ging nach Santa Anita (ca. 400 km nördlich von Buenos Aires), das 1900 von Wolgadeutschen gegründet wurde. Es ist das Heimatdorf  von Silvester Prediger. Seine Eltern stammten aus Mariental und wanderten noch vor seiner Geburt nach Argentinien aus. Zu den Einwohnern hatten wir sofort einen herzlichen Kontakt und intensive Gespräche. Im Rathaus fand ein gemeinsamer Abend statt. Hierbei konnte mein Vater seine Bilder und Plakate über sein Leben und das der Russlanddeutschen in der ehemaligen UdSSR zeigen und erläutern. Die folgenschweren Ereignisse wie Kollektivierung, Entkulakisierung, Hungersnot in den 30-er Jahren, Deportation und Zwangsarbeit sind den Wolgadeutschen in Argentinien unbekannt, deshalb mussten wir viel erklären. Als Illustrationen dienten die Plakate und Bilder. Dass man nach so viel schrecklichen Schicksalsschlägen noch am Leben geblieben ist, erlebten sie wie ein Wunder. Es kam immer wieder zu bewegenden Szenen und zu Herzen gehenden Umarmungen sowie gemeinsamen Erinnerungen, teilweise sogar mit Nachfahren von Wolgadeutschen aus Marienfeld, dem Geburtsort meines Vaters.

Außerdem erhielt er die Ehrenbürgerurkunde von Santa Anita, überreicht von Bürgermeister Horacio Amavet. Auch hier war die Verständigung im Dialekt mit den Älteren gut, und auch bei den spanisch sprechenden Jüngeren sind die wolgadeutschen Traditionen lebendig (Trachten, Tänze, Rivelkuchen, Schwartemagen etc.). Das Dorf macht einen gepflegten Eindruck und weist mit Kirche, Friedhof, Rathaus und Denkmal (100. Jahrestag der Gründung) die typischen Sehenswürdigkeiten auf. In dem Museum von Santa Anita wird die Geschichte der Vorfahren aufrechterhalten. Bis vor kurzem residierte dort ein Bürgermeister deutscher Abstammung, jetzt gefolgt von einem spanischstämmigen.

Die zweite Exkursion hatte die Provinz La Pampa mit der Hauptstadt Santa Rosa (ca. 300 km westlich von Buenos Aires) zum Ziel. Auch dort konnte mein Vater seine Bilder ausstellen. Wieder stellte ich ein großes Interesse an seinen Ausführungen fest. Wir trafen dabei auf eine Gruppe von Schülern, die Deutsch lernen, teilweise bereits in Deutschland gewesen waren und sich engagiert an dem Gedankenaustausch beteiligten. Verschiedene regionale Fernsehsender machten drei Interviews mit meinem Vater und brachten es noch am selben Abend in ihren Programmen.

Treffen der Deutschen Gemeinschaften Lateinamerikas in Parana

Offizieller Höhepunkt des Aufenthaltes in Argentinien war das 4. Treffen der Deutschen Gemeinschaften Lateinamerikas in Parana, zu dem ca. 300 Teilnehmer aus mehreren lateinamerikanischen Ländern, den USA, der Schweiz und Deutschland angereist waren. Es wurde vom Verband der Deutsch-Argentinischen Vereinigungen und der Gemeinschaft der Wolgadeutschen ausgerichtet.

Entre Rios ist die argentinische Provinz mit der größten Ansammlung wolgadeutscher Siedlungen. Die letzte deutsche Einwanderungswelle nach Lateinamerika endete nicht nur in Argentinien vor einem knappen halben Jahrhundert. Deshalb müssen sich die deutschen Gemeinschaften zunehmend mit der Überalterung und einer ganzen Anzahl damit verbundener Probleme befassen. Auch die Teilnehmer der Tagung widmeten sich den Themen, die die Zukunft ihrer Gemeinschaften betreffen. In den zweieinhalb Tagen kamen in einem gedrängten Programm 14 auswärtige und 20 argentinische Referenten zu Wort, die überwiegend in Spanisch Vorträge zu den unterschiedlichsten historischen und aktuellen Aspekten deutscher Existenz in verschiedenen Ländern hielten. Die deutschsprachige Zeitung „Argentinisches Tageblatt“ berichtete, dass sich die Beiträge auf einem hohen Niveau bewegten.

Zum Treffen waren unter anderen die Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Österreichs und der Schweiz eingeladen. „Es freut mich, dass die Nachfahren der Wolgadeutschen sich in der jüngsten Zeit vermehrt um Kontakt zu den anderen deutschen Gemeinschaften bemühen. Dass sich die in Argentinien zahlenmäßig größte Gruppe in der jüngsten Zeit vermehrt in dem Verband der Deutsch-Argentinischen Vereinigungen engagiert, ist ein gutes Zeichen.

Die bilateralen Beziehungen sollen auch durch die Brückenfunktion, die die deutschen Auswanderer und ihre Nachfahren haben, gestärkt werden“, sagte der deutsche Botschafter Dr. Rolf Schumacher.

Sein Kollege aus der Schweiz, Daniel von Muralt, betonte: „Ihre Bemühungen um die Aufrechterhaltung von Traditionen, Bräuchen und Sprache Ihrer eingewanderten Vorfahren verdienen Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Lateinamerika im Allgemeinen und Argentinien im Besonderen war ein Immigrationsgebiet par excellence. Die europäischen Einwanderer wurden mit offen Armen aufgenommen. Die Integration fand meistens harmonisch statt und eine breite Kulturvermischung war die Folge. Trotz dieser Situation haben Sie aufgrund Ihrer Tätigkeit innerhalb Ihrer Gemeinschaften dazu beigetragen, die Werte und Maßstäbe Ihrer Vorfahren zu erhalten, die Beziehungen zwischen den Völkern Europas und Amerikas zu vertiefen und das friedliche Zusammenleben über Grenzen jeglicher Art zu verbessern…“

Auch die österreichische Botschafterin Dr. Gudrun Graf äußerte sich lobend: „Viele Österreicher haben in Lateinamerika eine neue Heimat gefunden. Es freut mich, dass viele von meinen Landsleuten die Verbindung zur alten Heimat aufrecht erhalten haben und auch weiterhin die deutsche Sprache pflegen. So trennt zwar die geographische Distanz zu Österreich, aber im Herzen sind wir noch immer eng verbunden…“

Für uns waren besonders interessant die Hinweise auf die breit gestreute Verbreitung der deutschen Sprache in Argentinien („Arbeitsgemeinschaft der Schulen“ mit 18.000 Schülern; Katalog deutscher Veröffentlichungen – bisher über 800; die Schulung deutscher Familien auf dem Lande in der Provinz Entre Rios mit religiösem Hintergrund durch sog. Kamplehrer). Interessant war auch die Präsentation eines Videos über die wolgadeutschen Siedlungen in Argentinien durch den Vorsitzenden der Wolgadeutschen Vereinigung, Jose Gareis. Es zeigte, was bisher geschaffen wurde, was geblieben ist und was verloren ging. Seit einigen Jahren arbeitet man an einer Belebung der wolgadeutschen Identität.

Auch mein Vater trat mit einem Vortrag auf und zeigte seine Bilder. Er durfte über das Schicksal der Russlanddeutschen und seine Erlebnisse als Zeitzeuge ohne Zeitbegrenzung sprechen und hatte viele Fragen zu beantworten, denn auch hier war ein deutliches Interesse zu spüren. Gerade seine persönlichen seelischen Erschütterungen und deren Ausdruck in seinen Werken, aber auch sein Engagement für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der schlimmen Vergangenheit der Volksgruppe trafen auf Mitgefühl und Verständnis.

Den Abschluss des Treffens bildeten Besuche in die umliegenden Dörfern, ein Umzug in traditionellen Trachten auf Pferdewagen sowie ein Fest in Mariental (Aldea Valle Maria) mit der Darstellung einer typischen Hochzeit mit Essen und Tanz. Das nächste Treffen der Deutschen Gemeinschaften Lateinamerikas ist für 2007 in Venezuela geplant.

Wolgadeutsche in Argentinien sehnen sich nach Kontakten mit Deutschland und Russlanddeutschen

Beim Treffen des Vereins „Der Große Himmelsring“ (Vorsitzender Sylvester Prediger) in Quilmes (in der Nähe von Buenos Aires) am 16. September hatte mein Vater wieder die Gelegenheit, an Hand seiner Bilder über die Geschichte, das Schicksal und die heutigen Probleme der Russlanddeutschen zu sprechen. Ein großer Teil der Zuhörer gehörte zur älteren Generation und benötigte keine Übersetzung ins Spanische. Die Fragen betrafen vor

allem die Verfolgung in der Sowjetunion, das Leben meines Vaters, die Lage der Deutschen in Russland heute, die Übersiedlung nach Deutschland und die dortige Integration bis hin zur Rückkehr von Übersiedlern nach Russland.

Für meinen Vater Andreas Prediger bedeutete diese Reise einen gewissen Höhepunkt in seinem langen, wechselvollen Leben als Künstler und engagierter Russlanddeutscher von der Wolga. Ich habe mich ihm und seinem Anliegen in diesen zwei Wochen nahe gefühlt wie selten zuvor.

Was wir von dieser Reise mitgenommen haben, ist vor allem das Gefühl, dass die Nachfahren der Wolgadeutschen in Argentinien ein großes Interesse an ihren Wurzeln und der deutschen Sprache erhalten haben. Aber auch hier – wie einst bei uns in der ehemaligen Sowjetunion – war und bleibt die Vermischung mit dem einheimischen Sprach- und

Kulturkreis als nicht zu unterschätzende Realität. Und es besteht ein großes Interesse, mit Deutschland und besonders mit den Russlanddeutschen hierzulande Kontakte herzustellen und zu pflegen. Dieser Wunsch wurde mehrmals sehr deutlich zu vernehmen. Die Wolgadeutschen in Argentinien wollen vor allem die Sprachförderung ihrer jungen Generation verstärken. Da können wir mit Kinder- und Schulbüchern sowie Hörkassetten unterstützen..

Helena Prediger