Ansprache: Dr. Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes

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1763-2013. 250 Jahre russlanddeutscher Geschichte“

31. Bundestreffen der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland

Verleihung des Katharinen-Preises

Ansprache: Dr. Rudolf Seiters,

Präsident des Deutschen Roten Kreuzes

 

Die Auszeichnung des DRK-Suchdienstes mit dem Katharinen-Preis, der heute zum ersten Mal verliehen wird, erfüllt uns mit großer Freude und Genugtuung. Sie zeigt, dass unsere Leistungen im Bereich der Familienzusammenführung und der Klärung des Schicksals insbesondere der Vermissten und Verschleppten des Zweiten Weltkrieges von Ihnen anerkannt und gewürdigt werden.

Es freut uns sehr, dass das Engagement des DRK-Suchdienstes, erwachsen aus den Wirren des Krieges und nie erlahmt, gerade auch vonseiten der Russlanddeutschen ihre Anerkennung findet. Dafür danke ich Ihnen ganz besonders im Namen aller unserer bundesweit im Suchdienst tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

 

Lassen Sie mich Ihnen kurz die Hauptaufgaben des Suchdienstes des DRK und einige Zahlen zum Umfang seiner Aktivitäten ins Bewusstsein rufen, umfangreiche Aufgaben, die er mit seinen Suchdienst-Standorten in Berlin, Hamburg und München zusammen mit den Suchdiensteinrichtungen auf DRK-Landes- und Kreisverbandsebene im Auftrage der Bundesregierung ausübt: Er ist u.a. damit betraut

 

  • vermisste Familienangehörige zu suchen, die infolge des Zweiten Weltkrieges, durch Aussiedlung nach Deutschland, aber auch in Folge von bewaffneten Konflikten, Katastrophen der Gegenwart oder Migration von einander getrennt wurden
  • und ihnen zu helfen, im Rahmen der Familienzusammenführung mit ihren Angehörigen wieder vereint leben zu können.

 

So verschickte der DRK-Suchdienst im Jahr 2012 etwa 10.000 schicksalsklärende Benachrichtigungen an Ehegatten, Geschwister, Kinder und Enkel von Vermissten. Die DRK-Suchdienst-Mitarbeiter führten allein im letzten Jahr auf allen Verbandsebenen 15.000 Beratungen von Hilfe suchenden Bürgern im Rahmen des sehr komplexen Aufnahmeverfahrens nach dem Bundesvertriebenen und –flüchtlingsgesetz (BVFG) durch und erläuterten die Regelungen auf der Grundlage des Staatsangehörigkeits- und Aufenthaltsgesetzes nach Deutschland einzureisen.

 

Der DRK-Suchdienst konnte in den letzten Jahrzehnten

 

  • mehr als 16 Mio. Menschen wieder miteinander in Verbindung bringen bzw. getrennte Familien zusammenführen,
  • über 1,2 Mio. Verschollenenschicksale von Soldaten und Zivilgefangenen aufklären
  • und mehr als 291 000 Kinderschicksale klären.

 

Politische Ereignisse und Entwicklungen in Deutschland aber auch in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion haben in der Geschichte des DRK-Suchdienstes stets eine zentrale Rolle gespielt. Ob im Zusammenwirken mit der jeweiligen Bundesregierung oder bei Gesprächen mit den Rotkreuz- und Rothalbmond-Schwesterorganisationen, immer war der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes bemüht, seiner humanitären Aufgabe gerecht zu werden.

 

1955 befanden sich immer noch über 10.000 deutsche Kriegsgefangene in sowjetischem Gewahrsam. Nach langen Verhandlungen – unter Mitwirkung des DRK-Suchdienstes – erreichte die Bundesregierung unter Kanzler Konrad Adenauer die Freilassung dieser Gefangenen. Schon bald trafen sie, auf der Suche nach ihren Familien, im Grenzdurchgangslager Friedland ein.

 

Doch nicht nur ihnen konnten die Suchdienst-Mitarbeiter helfen. Auch Hunderttausende Deutsche und deutsche Volkszugehörige in den ost- und südosteuropäischen Staaten sowie in der ehemaligen UdSSR brauchten die Unterstützung des Suchdienstes. Ein besonders langes andauerndes Kriegsfolgenschicksal mussten die Russlanddeutschen erleiden. Zu Kriegszeiten wurden viele von ihnen nach Sibirien oder nach Mittelasien deportiert, wo sie unter Kommandantur gestellt wurden und unter schwierigsten Bedingungen als sog. Trudarmisten Zwangsarbeit leisten mussten.

 

Die Deutschen, die in Gebieten lebten, die von der Deutschen Wehrmacht besetzt worden waren, wurden von der Wehrmacht als sowjetische Staatsangehörige deutscher Nationalität in andere Gebiete (z.B. in den Warthegau) umgesiedelt. Im Zuge dieser Umsiedelungen wurden sie regelmäßig als Deutsche eingebürgert.

 

Viele von ihnen wurden mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die Verbannungsgebiete der Deutschen in der ehem. UdSSR deportiert. Sie alle galten auch nach 1945 in der UdSSR als Vaterlandsverräter, weil sie entweder die deutsche Einbürgerung akzeptiert hatten oder weil sie einfach nur Deutsche aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit waren.

 

Um der Diskriminierung aufgrund ihrer deutschen Volkszugehörigkeit zu entfliehen, wollten die Russlanddeutschen in die Bundesrepublik – zu ihren Angehörigen – ausreisen, ein verständlicher Wunsch, der sich aber nur schwer erfüllen ließ.

 

Ein erster Hoffnungsschimmer zeigte sich 1955 als die Bundesrepublik Deutschland diplomatische Beziehungen mit der UdSSR aufnahm. In der vom KGB überwachten und damit für Sowjetbürger nicht leicht zugänglichen (Bundes-)Deutschen Botschaft in Moskau konnten sich die Russlanddeutschen zum ersten Mal überhaupt registrieren lassen und damit signalisieren, dass es sie gab und dass sie ausreisen wollten. Doch das war nur möglich, wenn sie enge Verwandte in Deutschland vorweisen konnten.

 

Aufgabe des Suchdienstes war es, diese Verwandten ausfindig zu machen. Hunderttausende füllten Formulare, die so genannten „Botschaftsbögen“, aus und ließen diese der Botschaft der Bundesrepublik, Deutschland zukommen. Doch das war gefährlich. Jeder, der seinen Ausreisewillen aus der Sowjetunion bekundete, hatte mit schwerwiegenden Nachteilen zu rechnen: Arbeitplatzverlust, Beleidigungen, Inhaftierungen. Oft spielten sich dramatische Szenen ab: Botschaftsbögen wurden sogar in Brotlaiben geschmuggelt, um den Repressalien zu entgehen. Die Botschaftsbögen waren das Symbol des Beginns der Suchdienst-Arbeit für die Deutschen und die deutschen Volkszugehörigen in der ehem. UdSSR bei der Familienzusammenführung.

 

Unterdessen entwickelte die Sowjetunion ein ausgeklügeltes Ausreisesystem: Jeder, der nach Deutschland ausreisen wollte, musste eine Einladung von einem Verwandten aus der Bundesrepublik vorweisen, den so genannten „Wysow“. Hierbei übernahm der DRK-Suchdienst die Ausgabe der Formulare und sorgte für die Übersetzung und Weiterleitung.

 

Botschaftsbögen, „Wysow“-Anträge und DRK-Fragebögen bilden bis heute die Grundlage für die Suchdienstarbeit in diesem Bereich. Mit diesen Unterlagen kann auch in aktuellen Ausreiseverfahren belegt werden, dass Familienangehörige sich als Deutsche bekannt haben.

 

Die Familienzusammenführung von Deutschen und deutschen Volkszugehörigen aus Osteuropa und der ehemaligen UdSSR mit ihren in Deutschland lebenden Verwandten blieb bis zur Wende 1989/90 schwierig. Diese durften in der Regel nicht aus ihren Herkunftsländern ausreisen. Nur 0,5 Prozent schafften es im ersten Anlauf. Bis 1987 kannte man beim Suchdienst nahezu jede ausgereiste Familie.

 

Im Verbund mit der internationalen Rotkreuzbewegung konnte das Deutsche Rote Kreuz immer wieder erfolgreich auf die damaligen osteuropäischen sowie die sowjetische Regierung einwirken und so erreichen, dass in begründeten humanitären Fällen die Ausreise zum Zwecke der Familienzusammenführung gestattet wurde.

 

Die politischen Umbrüche in der Sowjetunion Mitte der achtziger Jahre führten dann zu einer regelrechten Ausreisewelle zunächst aus Polen, dann aber auch aus der UdSSR. Allein 1990 reisten 400 000 Menschen aus diesen Ländern nach Deutschland ein. Der DRK-Suchdienst hilft allen Menschen deutscher Volkszugehörigkeit aus den Aussiedlungsgebieten sowie deren Bevollmächtigten in Deutschland bei der Familienzusammenführung, z. B. wie diese und ihre Angehörigen dauerhaft in der Bundesrepublik Deutschland Aufnahme finden können.

 

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des DRK-Suchdienstes am Standort in Hamburg, aber auch in den DRK-Landesverbänden sowie den Suchdienst-Beratungsstellen auf Kreisverbandsebene leisten Hilfestellung bei dem oft jahrelangen komplizierten Antragsverfahren. Sie beraten und helfen in staatsangehörigkeitsrechtlichen und ausländerrechtlichen Verfahren und bei Ausreiseformalitäten aus den Herkunftsgebieten, wie z. B. bei „Wysow“- und Visaverfahren. Sie helfen bei der Beschaffung wichtiger persönlicher, kriegsbedingt verloren gegangener Unterlagen und bei der Klärung der persönlichen Identität. Sie setzen sich in dringenden Fällen für eine beschleunigte Bearbeitung der Anträge nach dem BVFG von schwer erkrankten Aufnahmebewerbern ein. In diesem Zusammenhang möchte ich die Krankentransporte erwähnen, die der DRK-Suchdienst organisiert und durch die es Kranken und Behinderten erst möglich wird, nach Deutschland zu kommen.

 

Neben der Unterstützung bei der Familienzusammenführung leistet der DRK-Suchdienst aus Bundesmitteln heute immer noch Hilfen in Form einer materiellen oder medizinischen Unterstützung für in Not geratene Menschen deutscher Volkszugehörigkeit in Ost- und Südosteuropa einschließlich der in Asien gelegenen Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR, die in der Vergangenheit vielen Benachteiligungen ausgesetzt waren und z.T heute noch sind.

 

Eine weitere zentrale Aufgabe des DRK-Suchdienstes ist nach wie vor die Nachforschung nach Kriegs- und Zivilgefangenen, nach Wehrmachtsvermissten und Zivilverschleppten des Zweiten Weltkrieges einschließlich der Insassen der ehemaligen sowjetischen Speziallager in der früheren SBZ bzw. DDR. So sind z. B. auch 68 Jahre nach Kriegsende noch rd. 1,3 Millionen der dem DRK-Suchdienst gemeldeten Schicksale von deutschen Wehrmachtsangehörigen und Zivilverschollenen ungeklärt.

 

Angesichts der hohen Zahl immer noch ungeklärter Schicksale mussten neue Wege gesucht und gefunden werden. Diese ergaben sich Anfang der 90er Jahre, als nach jahrzehntelangen intensivsten Bemühungen schriftliche Vereinbarungen mit verschiedenen Archiven in Russland getroffen werden konnten. Auf dieser Grundlage werden dem Deutschen Roten Kreuz für die Schicksalsklärung wichtige Daten sowohl über Wehrmachtsangehörige, die in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern verstorben sind und auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion beerdigt wurden, als auch über verschleppte Zivilverschollene fortwährend zur Verfügung gestellt.

 

So konnten seit 1992 ca. 240 000 Schicksale abschließend geklärt und den betroffenen Angehörigen die quälende Ungewissheit genommen werden; denn die „Ungewissheit über das Schicksal eines geliebten Angehörigen ist genauso schwer zu ertragen, wie physisches Leid“, ein Programmsatz der Suchdienst-Arbeit, der schon 1948 auf der damaligen Internationalen Rotkreuz-Konferenz in Stockholm formuliert worden ist.

 

Als Bundesinnenminister war ich 1992 politisch mitverantwortlich für die Änderung des Aufnahmeverfahrens durch das Kriegsfolgenbereinigungsgesetz. Es konnte seinerzeit erreicht werden, dass kein Schlussstrich unter die Aufnahme von Spätaussiedlern gesetzt worden ist. Im damaligen Asylkompromiss der Fraktionen der CDU/CSU, FDP und SPD im Deutschen Bundestag zu Asyl und Zuwanderung gingen wir davon aus, dass Jahr für Jahr ca. 200.000 Aussiedler Aufnahme in der Bundesrepublik Deutschland finden werden.

 

Die damaligen Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Wegen der hohen juristischen Hürden für die Erteilung eines Aufnahmebescheides sind die Einreisezahlen in den vergangenen Jahren spürbar zurückgegangen. So kommen derzeit nur noch wenige tausend Spätaussiedler pro Jahr neu nach Deutschland.

 

In diesem Jahr begehen wir nicht nur den 250. Jahrestag des Manifestes von Katharina der Großen und den 150. Geburtstag des Deutschen Roten Kreuzes. Wir feiern auch den 60. Geburtstag des Bundesvertriebenen- und Flüchtlingsgesetzes. Ich bin sehr froh, dass die Regierungskoalition dieses Jubiläum zum Anlass genommen hat, wesentliche Verbesserungen bei der Aufnahme von Spätaussiedlern vorzunehmen. So wird es künftig jederzeit möglich sein, Familienangehörige nachträglich in den Aufnahmebescheid eines Spätaussiedlers einzubeziehen – ohne Nachweis von irgendwelchen Härtegründen. Ferner können künftig auch diejenigen als Spätaussiedler anerkannt werden, die die deutsche Sprache nicht in der Familie erlernt haben, aber gute Deutschkenntnisse z.B. an der Universität erworben haben und dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie sich zur deutschen Minderheit bekennen.

 

Damit können künftig eine Vielzahl von Problemfällen gelöst werden, bei denen Familien jahrelang getrennt bleiben mussten. Der DRK-Suchdienst kennt aus eigener Beratungstätigkeit viele dieser Einzelfälle und begrüßt ausdrücklich die jetzt vorgenommenen Verbesserungen.

 

Herr Bundesinnenminister Dr. Friedrich hat in der Regierungserklärung zu 60 Jahren BVFG vor gut zwei Wochen zu Recht darauf hingewiesen, dass das Vertriebenengesetz in den letzten sechs Jahrzehnten Geschichte geschrieben hat, auf die es aufzubauen gilt. Wir wissen, dass immer noch viele junge Deutschstämmige in den Aussiedlungsgebieten leben, die sich aktiv und bewusst zum ihrem Deutschsein bekennen. Auch diesen jungen Menschen sollte die Chance gegeben werden, als Spätaussiedler nach Deutschland zu kommen. Ich würde es daher sehr begrüßen, wenn die Ausschlussregelung im BVFG, die es nur denjenigen Deutschstämmigen ermöglicht, nach Deutschland zu kommen, die vor dem 1. Januar 1993 geboren worden sind, auf den Prüfstand kommt.

 

Heute richtet sich der Fokus der Suchdienst-Arbeit verstärkt auf das Schicksal der Flüchtlinge aus den aktuellen Krisen- und Kriegsregionen der Welt. Genauso wie der Suchdienst in den vergangenen Jahrzehnten den Russlanddeutschen an der Seite stand, um ihr Recht auf familiäre Einheit zu verwirklichen, ist der DRK-Suchdienst heute bemüht, hilfebedürftigen Flüchtlingen die Wiederherstellung des Kontaktes zu ihren Angehörigen zu ermöglichen und die Familienzusammenführung zu erleichtern.

 

Die öffentliche Würdigung des bisher Geleisteten durch den Katharinen-Preis, den wir heute in Empfang nehmen dürfen, ist von unschätzbarem Wert für unsere zukünftige Arbeit, ist er doch Ansporn und Verpflichtung zugleich für die Fortdauer unseres vor 68 Jahren begonnenen Weges und Engagements im Dienste unzähliger Hilfsbedürftiger. Die heutige Ehrung erfüllt alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des DRK-Suchdienstes mit tiefer Freude. Vielen herzlichen Dank.