Empfang im Bayerischen Landtag

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Die Vertreter der Landesgruppe Bayern bei ihrem Besuch im Bayerischen Landtag.Foto: Dr. Susanne Weidinger.

Auf Einladung des CSU-Landtagsabgeordneten Josef Zellmeier, der auch Vorsitzender der Arbeitsgruppe Vertriebene, Aussiedler, Partnerschaftsbeziehungen der CSU-Fraktion ist, besuchte die Landesgruppe Bayern den Bayerischen Landtag.

Die Mitglieder des Vorstandes der Landesgruppe Bayern der LmDR waren ebenso dabei wie der Bundesvorsitzende Waldemar Eisenbraun und Vertreter von bayerischen Ortsgruppen.

Beim gemeinsamen Essen nutzten die Besucher die Gelegenheit, im Gespräch mit dem Vorsitzenden der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, Thomas Kreuzer, und Josef Zellmeier das Augenmerk auf Themenbereiche zu lenken, die für unsere Landsleute von großer Bedeutung sind.

Dazu gehörten die Einrichtung eines Kompetenzzentrums bzw. eines Kulturhauses in Bayern, Fragen der Fremdrentengesetzgebung und der Anerkennung von Berufsabschlüssen und vieles mehr.

Waldemar Eisenbraun, der Vorsitzende der Landesgruppe Bayern, Ewald Oster, und Dr. Wendelin Mangold vom Literaturkreis der Deutschen aus Russland machten den Politikern deutlich, worauf es uns ankommt.

Im Anschluss wurden viele Einzelgespräche geführt, für die sich die Politiker genügend Zeit nahmen.
Erfreulicherweise sagten die beiden Landtagsabgeordneten dem bayerischen Landesvorstand der LmDR zu, sich um die Belange der Deutschen aus Russland und insbesondere die Realisierung des Kompetenzzentrums bzw. Kulturhauses in Bayern zu kümmern und somit zum Vorreiter für andere Bundesländer zu werden.

Der Vorstand

Ein Jahrzehnt Dolmetscherservice bei der AOK

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AOK-Direktor Frank Dünisch (links) dankte Ewald Oster für zehn Jahre Dolmetscherservice bei der AOK in Schweinfurt zum Wohle aller Spätaussiedler und russisch sprechenden AOK-Kunden.
Foto: Lothar Zachmann.

Schweinfurt (Bayern):

Es war als Probelauf für die Dauer von drei Jahren angedacht, als Ewald Oster, Vorsitzender der Landesgruppe Bayern und der Ortsgruppe Schweinfurt der LmDR, Ende 2007 einmal wöchentlich mit einem Dolmetscherservice für Spätaussiedler und Deutsche aus Russland und den GUS-Staaten in der AOK begann.

AOK-Direktor Frank Dünisch, damals noch Bereichsleiter Privatkunden in Schweinfurt, hatte gemeinsam mit Ewald Oster diesen Service initiiert, weil vermehrt in Kundengesprächen die Sprachbarrieren deutlich wurden.

Gemeinsam mit den Kundenberatern sitzt Oster einmal wöchentlich im Kundengespräch mit dabei und übersetzt. „Zusammen mit dem AOK-Berater baue ich Hemmschwellen ab, mache oftmals komplizierte Fall- und Rechtserläuterungen einfach und in der russischen Sprache verständlich und vermittle auch Kontakte zu Fachärzten oder anderen Gesundheitsdienstleistern“, fasst Oster seine Tätigkeit zusammen.

Die häufigsten Beratungsanlässe sind Zahnersatzleistungen, Pflegestufen, Krankengeld, Familienversicherung sowie Heil- und Hilfsmittel. Im Durchschnitt sind es 12 bis 20 Beratungsgespräche im Monat, die Ewald Oster immer dienstags zwischen 13 und 16 Uhr in der Hauptgeschäftsstelle der AOK am Hauptbahnhof in Schweinfurt führt.

AOK-Direktor Frank Dünisch hält dieses nachhaltige und kundenorientierte Serviceangebot auch nach zehn Jahren für unverzichtbar. „Wir sind froh, dass wir Sie dafür gewinnen konnten“, brachte er seinen Dank an Ewald Oster für dieses kleine Jubiläum persönlich zum Ausdruck. Er dankte auch für die während des letzten Jahrzehnts entstandene enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Orts- und Kreisgruppe Schweinfurt. „Lassen Sie uns weiterhin so kooperativ und freundschaftlich zusammenarbeiten wie bisher“, fasste er abschließend seine Wünsche für die Zukunft zusammen.

In-und-um-Schweinfurt.de, 13.12.2017

„Deutsche aus Russland erweitern unser Horizont.“

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Der Chor „Donauklang“ mit Vorstandsmitgliedern der Ortsgruppe Regensburg der LmDR und Ehrengästen der Veranstaltung.

Gelungene „Kultur-Brücke“ der Ortsgruppe Regensburg (Bayern)

Bereits zum sechsten Mal in Folge führte die Ortsgruppe Regensburg der LmDR eine überregionale Veranstaltung unter dem Titel „Kultur-Brücke“ durch. Mehr als 150 Gäste und Ehrengäste fanden sich am 11. November im bekanntesten Kongresszentrum der Stadt Regensburg, dem Kolpinghaus St. Erhard, ein.

Zur Auswahl des Titels der Veranstaltung erklärte der Vorsitzende der Ortsgruppe, Heinrich Kratz, in seinem Grußwort: „Wir führen einen Dialog zwischen den Generationen, zwischen Einheimischen und Vertriebenen, zwischen Deutschen und Aussiedlern. Und heute wollen wir wieder eine Brücke bauen“.

Im Namen der Stadt Regensburg bedankte sich die Stadträtin und Landtagsabgeordnete Margit Wild, (SPD) bei der Orts- und Kreisgruppe Regensburg für ihre wertvolle Kulturarbeit: „Regensburg ist mit Recht sehr stolz auf diese lebendige und nachhaltige Vereins- und Jugendarbeit, die Sie hier betreiben.“ Deutsche aus Russland seien mit ihrer besonderen interkulturellen Kompetenz eine Bereicherung für die Stadtgesellschaft und erweiterten den Horizont der Einheimischen, meinte Margit Wild weiter.

Zu den weiteren Ehrengästen der Veranstaltung gehörten u.a. Peter Aumer, MdB (CSU), der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Waldemar Eisenbraun, der Vorsitzende der Landesgruppe Bayern der LmDR, Ewald Oster, seine Stellvertreterin Albina Baumann, die Vorsitzende der Landesgruppe Bayern der Jugend-LmDR, Nelli Geger, sowie Kristina Eisel, Mitglied des Landesvorstandes der Jugend-LmDR Bayern.

Der Bundestagsabgeordnete Peter Aumer betonte in seiner Ansprache den Stellenwert der landsmannschaftlichen Arbeit in der Gesellschaft. Auch das Motto der Landsmannschaft habe ihn überzeugt: „Ich habe vorher ganz interessiert Ihren Leitspruch gelesen – ‚Zusammenhalten – Zukunft gestalten‘. Besser könnte man nicht zum Ausdruck bringen, was Sie als Landsmannschaft und uns als Gesellschaft als Ganzes prägt.“

Waldemar Eisenbraun äußerte in seiner Rede den Wunsch nach einem „Haus der Begegnung“ in Regensburg und wandte sich an die anwesenden Politiker mit der Bitte, diese Initiative der Landsmannschaft zu unterstützen. Abgesehen davon, freue er sich sehr über die vielen Menschen, die ein „starkes Interesse an der Arbeit der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland zeigen“ und sich dafür einsetzten.

Damit meinte der Bundesvorsitzende sicher auch Viktoria Lunte, die seit drei Jahren in der Ortsgruppe Regensburg aktiv ist und die Veranstaltung im Kolpinghaus als Kulturreferentin der Ortsgruppe moderierte und leitete.

„Mix-Markt – einfach anders“ – Sketch mit Maria und Peter Warkentin.

Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung durch Lina Neuwirt, Sängerin und Autorin aus Nördlingen, den Chor „Donauklang“ aus Regensburg sowie den Trompeter Andreas Bode aus Kelheim. Das Ehepaar Maria und Peter Warkentin vom Russland-Deutschen Theater Niederstetten sorgte mit dem zeitgemäß-ironischen Stück „Mix-Markt – einfach anders“ für einen der Höhepunkte des Abends.

Die Organisatorin des Abends, die stellvertretende Vorsitzende der Ortsgruppe Regensburg der LmDR, Valentina Wudtke, erklärte: „Es ist bei uns zur Tradition geworden, diese Großveranstaltung einmal jährlich im November durchzuführen. Letztes Mal hatten wir mehrere Auftritte der Kinder- und Jugendgruppen, diesmal setzten wir auf das Duo vom Deutsch-Russischen Theater, das die Gäste bereits 2013 bei unserer Jahresversammlung mit der Aufführung ‚Der weite Weg zurück‘ begeisterte.“

Die Ortsgruppe Regensburg bedankt sich herzlich bei der Bürgermeisterin der Stadt Regenburg, Gertrud Maltz-Schwarzfischer, für die Übernahme der Schirmherrschaft und beim Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familien und Integration für die finanzielle Unterstützung der Maßnahme.

Lena Arent

Die Heimat meines Gaumens

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Albina Baumann

Tomfnutlja oder Käsknepflja zuzubereiten, war für uns und unsere Eltern in der Sowjetunion selbstverständlich. Wir identifizierten uns regelrecht mit den aus Deutschland mitgebrachten und über Generationen überlieferten Gerichten. Ganz selbstverständlich mischten wir die Spezialitäten auch mit russischen oder ukrainischen, und so gab es bei uns mal Poscht (Borschtsch) mit Pompuschka, Tarakichlja oder Tomfnutlja, mal Pompuschka, Tarakichlja oder Tomfnutlja mit Nudlsup. (Einige Rezepte im Beitrag.)

Allein die Erinnerung an meine Oma und den Duft der frischen Tomfnutlja lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Diese Hefeteigspeise auf dem Gaumen – hmmm, ein Genuss! Wäre es möglich gewesen, hätten sie komplett aus den goldbraunen Krischtl‘ja bestehen müssen. Um diese knusprige, leicht salzige Kruste stritten wir Kinder uns regelrecht! Im Winter genossen wir sie mit einer heißen Krumperasup oder Poscht, und im Sommer servierte sie uns Oma in der kasachischen Hitze mit krina Poscht, einem kalten Obschtkompot oder Kefir.
Auch unsere russischen Nachbarskinder liebten diese „Tomfnudlja“. Immer wieder rannten wir nach Hause und schleppten Hände voll auf die Straße, wo sie sogleich von allen Mädels und Buben verschlungen wurden.

Einmal kam Sveta von nebenan und fragte mich: „Wann macht eure Oma mal wieder diese Nutlja.“ Es war gerade Sommer, und ich nahm sogleich an, sie meint die Nudeln für Nudelsuppe – zu gern naschten wir von dem rohen Teig –, also war meine Antwort: „Nicht so schnell, es ist Sommer, und Nudlsup wird meistens im Winter gegessen.“ Sveta war etwas verwirrt und erwiderte: „Aber sonst hat es die doch im Sommer mit Kompot gegeben.“ Nun verstand ich und sagte lachend, dass sie Tomfnutlja meint. Und sofort bestellten wir diese Leckerei bei Oma.

Als ich nach Deutschland kam, ging ich davon aus, dass man hier diese typisch deutschen Speisen auch kennt. Doch im badischen Karlsruhe belehrte man mich eines Besseren. „Käsknöpfle, Spätzle, Kichlja, das hört sich so schwäbisch oder österreichisch an, da müsst ihr her stammen“, hörte ich unsere deutschland-deutschen Nachbarn immer wieder sagen – ein Widerspruch zu dem, was unsere Ahnenforschung hervorgebracht hatte, gemäß der wir aus dem Badischen oder Elsässischen stammten.

Etwas später verschlug mich das Schicksal nach Ulm, in das Schwabenland. Ich lernte Spätzle, die unsere Familie bis dahin nicht gekannt hatte, kennen und lieben. Mehlspeisen sind nun mal meine Leibspeisen. Zumindest was das Essen anging, dachte ich, nun zu Hause angekommen zu sein. Doch weit gefehlt. Als ich einmal Dampfnudeln – mittlerweile kannte ich auch das hochdeutsche Wort dafür – vor meinen Klassenkameradinnen erwähnte, schwärmte Heike: „Hmmmm, Dampfnudeln mit Vanillesoße! Lecker! Gibt´s bei uns auch.“ Das ließ sich nun ganz und gar nicht mit meinen Geschmackserinnerungen aus Kindertagen vereinbaren. Dampfnudeln ohne die goldbraune, knusprige, leicht salzige Kruste? Genau das machte doch unsere Dampfnudeln aus!
Ich schwärmte von unseren Dampfnudeln, und wir fingen an zu diskutieren, welche denn nun die richtigen seien. Klar kamen wir nicht auf einen Nenner.

Dann stellte sich der Unterschied bei den Käsknöpfle als noch gravierender heraus. Während unsere ein mit Schichtkäse gefüllter Nudelteig waren, handelte es sich bei den baden-württembergischen um runde Spätzle, die mit Käse überbacken wurden. Wie bei vielem anderem beendete ich daraufhin auch hier irgendwann die Identitätssuche.

Wir zogen wieder um, diesmal ins unterfränkische Volkach. Die Zeiten änderten sich. Durch Kinder, Arbeit, Garten und viele Verpflichtungen blieb fürs Zubereiten der einen oder anderen Köstlichkeit keine Zeit. So freuten sich die Kinder, wenn Oma und Opa zu Besuch kamen, dann gab es diese Spezialitäten auf Bestellung. Für die ganze Familie war es immer wieder wie ein Fest.

So auch in den Sommerferien, als Matthias – ein Namensvetter meines Ältesten – vom Nachbarhaus mit meinen Kindern im Garten spielte. Es war ein wunderschöner Sommertag, ein Tag, wie man sich den Sommer in Unterfranken so vorstellt: Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, und es war herrlich warm, alles war irgendwie feierlich.

Oma rief alle zum Essen. Matthias wunderte sich über die seltsame „Wurst“, die auf seinem Teller lag, und fragte nach, was das denn sei. Es sah so völlig anders aus als alle Würste, die er sonst kannte. Lachend erklärten wir dem Jungen, es sei eine Krumperawoascht. Erst skeptisch und dann voller Genuss verspeiste der Bub alles, was auf seinem Teller war, und verlangte Nachschlag. „Ich hop kotenkt, ´s bleibt eps fa mor´ja iwa“, rief Oma aus, „Kot sei Donk, oles isch weg, un mor´ja kebt´s a schena Tok!“

Die Großeltern fuhren heim, und der Alltag kehrte ein, das außergewöhnliche Mahl hatte ich fast schon vergessen, als mich Matthias‘ Mutter auf der Straße ansprach: „Sag mal, was gab es denn bei euch neulich zu essen?“ Da ich wusste, dass Franken zu Kartoffeln genauso wie wir Krumberen sagen, gab ich kleinlaut von mir: „Eh, Krumberawurscht, ein altes deutsches Gericht.“ Sie lachte: „Aha, und ich dachte Matthias fantasiert was zusammen. Wie geht das? Sind da wirklich Kartoffeln in der Wurst?“ Nun lachte ich: „Ja, mit Fleisch und Zwiebeln.“ “Als ich den Bu gefragt habe, wie denn diese Krumberawurst geht, hat er gesagr: ‚Na, Krumbera in a Wurscht.‘ Das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Muss sehr gut geschmeckt haben, unser Bengel ist nämlich sonst sehr wählerisch, was das Essen angeht.“

Wir lernen noch mehr Nachbarn kennen, die Kinder freundeten sich mit dem einen oder anderen Klassenkamerad an. Auch hier schätzte man unsere Gastfreundschaft. Manchmal staunten die Freunde: „Was ist denn das?“ – „Das kenne ich nicht!“ – „So ein Essen kocht meine Mama nicht.“ Dann erklärte ich, je nachdem woher das Zubereitete stammte, was es war und dass es ein altes deutsches Gericht oder auch etwas Russisches sei. Und wieder schmeckten die exotischen Speisen den meisten Kindern.

Ich hörte auf, darüber nachzudenken, dass man die eigenen guten, leckeren Nationalgerichte durch aus aller Herren Länder stammende ersetzte. Meine Kinder wuchsen nun mit der großen Palette internationaler Speisen auf. Italienische Spaghetti und Pizza kamen bei uns genauso wie chinesische Frühlingsrollen und Nasi Goreng, russische Pelmeni und Blini oder russlanddeutsche Käsknepflja und Krumperawoascht auf den Tisch. Auch Schmorbraten, Rinderrouladen und Schnitzel bereitete ich nun ganz selbstverständlich zu. Und hier im Fränkischen lernte ich sogar von einer Fränkin, wie man schwäbische Spätzle selber herstellt.

Die Jahre vergingen, die Kinder wurden groß, zogen aus, lernten ihre Partnerinnen kennen. Unser Großer zog zurück nach Ulm in die Nähe von Oma und Opa. Irgendwann erzählte Mona, unsere Schwiegertochter, so nebenbei bei einem Telefonat, Mathi hatte sich Krumperawoascht gewünscht, und so waren sie am Vortag bei Oma zum Essen eingeladen gewesen.

„Und, hat dir die Krumperawoascht geschmeckt?“, war ich gleich neugierig. „Na, nichts Besonderes, wie halt Kartoffelwurscht so schmeckt“, kam für mein Gefühl fast zu schnell und sehr entspannt die Antwort. „Äh – hattest du sie schon mal probiert?“ „Probiert? Kenne ich doch schon, seit ich mich kenne.“ Mein Kinn fiel runter, und nun überschüttete ich sie mit Fragen „Wie? Was? Woher? Aber das ist doch ein russlanddeutsches Essen?“ „A wo, wie kommst du darauf? Die gibt es bei uns in Hessen. Man kann sie sogar in einer Metzgerei kaufen, und meine Mama holt sie immer wieder, wenn ich in die Heimat fahre.“ „Die will ich unbedingt probieren!“

So kam es, dass bei der nächsten Familienfeier hessische Kartoffelwurst als Festspeise kalt und am nächsten Tag angebraten serviert wurde. War das ein Ereignis! Hessisch-russlanddeutsche Verständigung über vier Generationen! Noch am Tisch hatten alle gleich ihre Bestellungen bei der russlandsdeutschen Oma für die Krumperawoascht aufgegeben, die beim nächsten Treffen auch sofort erledigt wurde.
Nur die Enkelsöhne verschmähten die Köstlichkeit jeweils. Da sie kaum Fleisch essen, sei es ihnen verziehen. Blieb doch für uns, die Erwachsenen, mehr übrig!

Die Erkenntnis der beiden Verkostungstermine war sehr einfach und lehrreich. Es ist „das Gleiche, aber einfach anders“ – genauso sieht es im Übrigen auch Maria Warkentin in ihrem Stück „Mix-Markt“.
Wir Menschen sind nun mal die Summe unserer Erlebnisse, da gehört auch der Geschmack dazu. Diese können wir nicht einfach wie ein Kleidungsstück ablegen oder wechseln. Wer seit Kindheitstagen einen Geschmack kennt, kann Bewunderung für eine ähnliche Spezialität aufbringen, schmecken wird ihm die vertraut zubereitete Speise trotzdem besser. Dampfnudeln mit Vanillesoße weiß ich mittlerweile auch zu schätzen, bevorzuge jedoch immer noch unseren salzigen Tomfnutlja.

Dank Internet weiß ich nun, dass es die Kartoffelwurst im Kanton Graubünden in der Schweiz und im Südwesten Deutschlands – Hessen, Nordbaden, Unterfranken, Saarland, Rheinland-Pfalz – heute noch gibt. Da Kartoffeln günstiger als Fleisch waren, wurde die Wurst damit gestreckt und war früher vor allem ein Arme-Leute-Essen.

Genau weiß ich nicht, ob meine Vorfahren vor der Revolution arm waren oder ob sie – wie viele Deutsche in Russland – zu den wohlhabenden Bauern gehörten. Doch was juckt mich das? Mein Gaumen hat seine Heimat gefunden! Und das ist wichtiger als die Vergangenheit und mir mehr wert als alles Geld der Welt!

Albina Baumann