Sie geben Aussiedlern eine Stimme

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BZ_07082015Badische Zeitung, Ausgabe 07.08.2015

Ein Jahr im Ortschaftsrat / Vier Russlanddeutsche berichten über ihre Erfahrungen in der Kommunalpolitik.

LAHR. Bei den Kommunalwahlen 2014 hat es auch sieben Spätaussiedler unter den Kandidaten gegeben, die sich um Sitze in den Ortschaftsräten bewarben. Vier von ihnen haben geschafft, gewählt zu werden. Nach etwas mehr als einem Jahr kommunalpolitischer Tätigkeit hat sie die BZ nach ihren bisherigen Erfahrungen gefragt.


Elena Romme, Hugsweier
„Im Ortschaftsrat kann ich die Anregungen meiner Landsleute einbringen. Ich führe tagtäglich viele Gespräche, kenne ihre Probleme und freue mich immer, wenn ich helfen kann.“ Elena Romme, CDU, kommt nicht nur an ihrem Wohnort in Hugsweier mit den Menschen ins Gespräch, sondern vor allem auch an ihrem Arbeitsplatz. Die 54-jährige Geschäftsfrau hat sich vor 15 Jahren selbständig gemacht und ein großes Lebensmittelgeschäft in der Nähe des Bahnhofs eröffnet.

„Mein Ziel war immer, die jüngere Generation zu ermutigen, bei den nächsten Wahlen zu kandidieren.“ Sie sieht sich als Schrittmacherin für die Jungen und hofft, dass auch durch ihr eigenes Beispiel mehr junge Leute politisch aktiver werden, gerade auch junge Leute aus russland-deutschen Familien. Sie ist vor 25 Jahren aus Kasachstan nach Deutschland gekommen und fühlt sich inzwischen gut integriert. Auf die Tätigkeit im Rat sei sie durch eine Informationsschrift gut vorbereitet worden. „Da stand das Wichtigste drin, welche Rechte und Pflichten der Ortschaftsrat hat.“ Sie schätzt es, dass es in dem Gremium immer um die Sache geht und dass die Parteienzugehörigkeit keine Rolle spielt.
Dabei sah es zunächst so aus, als ob Elena Romme den Sprung in das Gremium gar nicht geschafft hat. Bei der ersten Zählung fehlte ihr sage und schreibe eine Stimme auf den Kandidaten vor ihr, Waldemar Batischew. Die Nachzählung ergab dann drei Stimmen mehr für sie – damit lag sie zwei Stimmen vor ihm. „Wenn es beim nächsten Mal ähnlich knapp ausgeht, darf er ran“, sagt Romme.


Willi Wentland, Mietersheim

„Es macht sehr viel Spaß, ich kann eine durchweg positive Zwischenbilanz ziehen“, sagt Willi Wentland, SPD, der im zweiten Anlauf in den Ortschaftsrat gewählt worden ist. 2009 hat er es schon einmal versucht, doch da hat es noch nicht ganz gereicht. „Wir waren damals gerade erst nach Mietersheim gezogen“, sagt der Bankkaufmann, da sei er noch nicht so bekannt gewesen.

Für Politik hat sich Wentland schon in der Schule interessiert. Dieses Interesse hat nie nachgelassen und hat ihn schließlich dazu gebracht, 2009 in die SPD einzutreten und sich als Kandidat aufstellen zu lassen. Seit drei Jahren ist er zudem stellvertretender Vorsitzender des Ortsvereins Lahr. Für den Gemeinderat hat es jedoch auch im zweiten Anlauf nicht geklappt, obwohl er seine Stimmenanzahl deutlich erhöhen konnte. Einen Grund, dass es nicht gereicht hat, sieht Wentland durchaus in der niedrigen Wahlbeteiligung der Spätaussiedler. „Viele sagen, das bringt eh nichts. Es ist schwierig, sie zu motivieren.“

Im Rat schätzt er die „angenehme, fast familiäre Atmosphäre“. Im Laufe des ersten Jahres habe er die Kollegen kennengelernt. „Wir schauen, dass das Dorf vorankommt.“ Dass vieles so lange dauert, dass manche Entscheidungswege lang und verzwickt sind, das hat ihn überrascht: „Man muss sehr vieles beachten, das hätte ich vorher nicht gedacht.“ Der 41-jährige Familienmensch und Zeitungsleser, wie er von sich selbst sagt, ist zwar ein Mann mit Migrationshintergrund, ihn aber als Spätaussiedler zu bezeichnen, ist grenzwertig. Kam er doch schon 1979 mit seiner Familie aus Kasachstan nach Deutschland. Da war er fünf Jahre alt.


Phillip Binefeld und Niko Samson, Langenwinkel

„Jemand musste den Anfang machen, deshalb habe ich mich aufstellen lassen.“ Phillip Binefeld, CDU, vertritt die Überzeugung, dass sich seine russland-deutschen Landsleute mehr in die Kommunalpolitik einbringen sollten, um ihre Interessen besser vertreten zu können. „Bis vor einem Jahr war doch niemand von den Spätaussiedlern in den Gremien. Für mich war das auch eine Aktion, um sie zu mobilisieren.“ Das ist in Langenwinkel gelungen. Entgegen des landesweiten Trends konnte hier die Wahlbeteiligung gesteigert werden und es kamen gleich zwei Vertreter der Spätaussiedler in den Ortschaftsrat. Neben Binefeld noch Niko Samson, CDU.

Die Arbeit im Rat empfindet sowohl der 22-jährige Binefeld, Teamleiter bei der INA, als auch der 29-jährige Maschinenbautechniker Samson als ein gutes, kollegiales Miteinander. Dabei hatten beide zuvor wenige konkrete Vorstellungen davon, wie es läuft im Rat. Samson: „Ich hatte gedacht, dass der Ortschaftsrat mehr Entscheidungsgewalt hat.“ Trotzdem seien Erfolge möglich, wenn man beharrlich für eine Sache kämpfe, wie bei der Lärmschutzwand für Langenwinkel. Sie wird nun gebaut.

Zwei Gründe haben ihn bewogen, sich vor einem Jahr aufstellen zu lassen. Zum einen will er im Ort etwas bewegen und ihn voranbringen. Zum zweiten sieht er sich als Vertreter jenes – großen – Teils der Bevölkerung in Langenwinkel, die sich seines Erachtens bisher zu wenig artikuliert hat: „Ich will ihnen eine Stimme geben.“ Ähnlich äußert sich auch Samson. Ihm gefällt, dass sich die Kommunalpolitik um die Belange des Ortes kümmert, von denen man auch selbst betroffen ist.

Mindestens genauso grenzwertig wie bei Wentland ist es bei Binefeld und bei Samson, sie als Spätaussiedler zu bezeichnen. Binefeld ist in Spaichingen auf der Schwäbischen Alb geboren worden und aufgewachsen, da war seine Familie schon fast 15 Jahre in Deutschland. Samsons Familie kam nach Deutschland, als er vier Jahre alt war. Auch er ist hier in den Kindergarten und zur Schule gegangen.

Quelle: Badische Zeitung, Ausgabe 07.08.2015