„Identität ist das unsichtbare Fluchtgepäck“

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Christine Bohnert-Seidel, 27.09.2016 02:00 Uhr
Die Singgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland sang anlässlich des Tags der Heimat. Foto: Bohnert-Seidel

Die Singgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland sang anlässlich des Tags der Heimat.
Foto: Bohnert-Seidel

Lahr. „Das jährliche Treffen am Tag der Heimat ist eine Herzensangelegenheit und dient dem Erinnern an unvergessliche Spuren. Heimat ist des Herzens Echo“, erklärte Irma Barraud, Kreisvorsitzende des Bundes der Vertriebenen/Vereinigte Landsmannschaften. Der Gedenktag unter dem Motto „Identität schützen – Menschenrecht achten“ stand im Zeichen des 75. Jahrestags der Deportation der Deutschen aus Russland. Zudem feiert die Landsmannschaft Schlesien, Kreisgruppe Lahr, 65-jähriges Bestehen.

Ge­denk­ver­an­stal­tung „75 Jah­re De­por­ta­ti­on der Russ­land­deut­schen“

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ErlassDatum: 28.08.2016

Ort: Akademie Berlin der Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin

Redner: Hartmut Koschyk, MdB, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten

Am 28. August 2016 jährt sich der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR „Über die Übersiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons wohnen” vom 28. August 1941 zum 75. Mal, der letztendlich eine massenhafte Deportation der Deutschen aus dem europäischen Teil der Sowjetunion in die Tiefen Sibiriens und nach Kasachstan oder Mittelasien einleitete. Die Folgen der Deportationen wirken bis heute nach.

Die Veranstaltung findet ab 11:00 Uhr in den Räumlichkeiten der Akademie Berlin der Konrad-Adenauer-Stiftung (Tiergartenstr. 35, 10785 Berlin) statt. Neben den Grußworten sind musikalische Darbietungen, ein Zeitzeugengespräch und eine Kranzniederlegung auf dem Parkfriedhof Berlin-Marzahn vorgesehen.

Gedenkschrift zum 75. Jahrestag der Deportation der Deutschen in der Sowjetunion

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Gedenkschrift 75 Jahre Deportation

Aus Anlass des 75. Jahrestages der Deportation der Deutschen in der Sowjetunion hat die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland eine umfangreiche Gedenkschrift herausgegeben, die sich unter dem Titel „Entrechtet – Entwürdigt – Entwurzelt“ mit verschiedenen Aspekten der Verfolgung der Russlanddeutschen befasst.

(Link zur Gedenkschrift, pdf, 12 MB)

Die Schauprozesse in der Sowjetunion Stalins der Jahre 1937 und 1938 gehören ebenso dazu wie die Deportationen, die mit dem Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der Sowjetunion vom 28. August 1941 „Über die Übersiedlung der Deutschen, die in den Wolgarayons wohnen“ ihren Anfang nahmen, die Verbringung in die Zwangsarbeitslager der so genannten „Trudarmee“ oder die Rechtlosigkeit in den Sondersiedlungen, die erst Ende 1955 aufgelöst wurden.

Zusammen mit den Toten der Hungerkatastrophen in der 1920er und 1930er Jahren, die durch kommunistische Misswirtschaft über das Land kamen, beträgt die Anzahl der russlanddeutschen Opfer in diesen Jahrzehnten – selbst bei vorsichtiger Schätzung – nicht weniger als 480.000.


Vorwort des Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland

Nicht zufällig hatte die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland ihr 32. Bundestreffen am 4. Juli 2015 in Stuttgart unter das Motto „Von Hilfesuchenden zu Leistungsträgern“ gestellt. Wir brachten damit zum Ausdruck, dass sich die Deutschen aus Russland nach einem langen Leidensweg in der ehemaligen Sowjetunion und Schwierigkeiten der ersten Jahre nach der Wiederansiedlung in Deutschland zu einem Gewinn für unser Land entwickelt haben, wie durch sämtliche Untersuchungen bestätigt wird.

Dennoch verhindern die nach wie vor bestehenden Benachteiligungen, dass viele meiner Landsleute sich als gleichberechtigt und beheimatet fühlen können. Erhebliche Rentenkürzungen aufgrund der Fremdrentengesetzgebung gehören ebenso dazu wie die mangelhafte bzw. völlig fehlende Anerkennung von in der ehemaligen Sowjetunion zurückgelegten Ausbildungsgängen bzw. mitgebrachten beruflichen Qualifikationen. Dagegen werden allzu leicht aus Verfehlungen Einzelner haltlose Vorwürfe gegen die Gesamtheit der Deutschen aus Russland konstruiert.

Mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln ist die Landsmannschaft seit Jahrzehnten bemüht, gegen Missstände dieser Art vorzugehen – in ihren Publikationen, durch Stellungnahmen und bei Gesprächen mit Entscheidungsträgern.

Ebenso ist zu bedauern, dass die Geschichte und Kultur der Deutschen aus Russland nach wie vor nicht Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der Bundesrepublik Deutschland sind. Ihre Geschichte und Kultur „finden nicht statt“ – weder im Schulunterricht, noch in den Medien, noch in der Gesellschaft.

Publikationen wie diese Gedenkschrift sollen daher dazu beitragen, diese Wissens- und Aufmerksamkeitslücken zu verringern. Unter Verzicht auf allzu trockene Analysen schildert sie die tragische Geschichte der Volksgruppe in den 30er, 40er und 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vor allem anhand von Zeitzeugenberichten sowie von künstlerischen und literarischen Darstellungen.

Aus Anlass des 75. Jahrestages der Deportation der Deutschen in der Sowjetunion weisen wir erneut auf die Notwendigkeit einer vollständigen Rehabilitierung der russlanddeutschen Volksgruppe hin. Eine Rehabilitierung, die längst überfällig ist! Eine Rehabilitierung von Menschen, die ohne jede Schuld zu Opfern zweier Unrechtsregime wurden!

Waldemar Eisenbraun
Bundesvorsitzender