„Damit die Kinder voller Hoffnung in die Zukunft gehen…“

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Feier zum 55-jährigen Bestehen der Orts- und Kreisgruppe Karlsruhe

 

Fünf Jahre nach der Gründung der Landsmannschaft 1950 wurde die Orts- und Kreisgruppe Karlsruhe aus der Taufe gehoben. Sie gehört somit zu ihren ältesten Gliederungen – und nach wie vor zu ihren aktivsten.

 

Am 12. November 2010 feierte die Ortsgruppe im Gemeindesaal der Kirche St. Peter und Paul in Karlsruhe ihr 55-jähriges Bestehen. Mit einem dankbaren Rückblick in die Vergangenheit präsentierten sich die Karlsruher als Verein, der unter dem Motto „Alle unter einem Dach“ vorbildliche ehrenamtliche Arbeit  leistet. Insbesondere gilt das für die Familien-, Kinder- und Jugendarbeit; 2010 erhielt die Ortsgruppe den Integrationspreis der Stadt Karlsruhe.

Bereits am Eingang wurden die Gäste mit Musik der Bläsergruppe von Waldemar Friedrich empfangen. Ein Team freiwilliger Helfer sorgte für Getränke und das leibliche Wohl der Gäste. Durch das Programm des Abends führte Ida Martjan, unterstützt von Elena Eichner, die die Feierstunde mit Klaviermusik einleitete.

Die seit zehn Jahren amtierende Ortsgruppenvorsitzende Erna Pacer eröffnete die Festveranstaltung und begrüßte die zahlreich erschienenen Ehrengäste und Freunde der Landsmannschaft, darunter die Erste Bürgermeisterin der Stadt, Margret Mergen, zahlreiche Stadträte und Vertreter der Kommunalpolitik, Vertreter von Vereinen, Institutionen und Medien sowie den Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft, Adolf Fetsch, und die stellvertretende Bundesvorsitzende und baden-württembergische Landesvorsitzende Leontine Wacker. Erna Pacer dankte dem Vorstand der Ortsgruppe, der ihr stets helfend zur Seite steht, und allen Mitarbeitern und Eltern, die den Verein durch ihr freiwilliges Engagement unterstützen und stärken.

 

Engagement über 55 Jahre

 

Adolf Fetsch würdigte in seiner Festrede die Bedeutung der Ortsgruppe Karlsruhe in der 60-jährigen Geschichte der Landsmannschaft: „Über die gesamten sechs Jahrzehnte hinweg haben Landsleute aus Karlsruhe eine bedeutende Rolle innerhalb unserer Organisation gespielt. Und es war immer wieder Karlsruhe, wo man sich getroffen hat und wo Initiativen für die landsmannschaftliche Arbeit entwickelt wurden.“

Der Bundesvorsitzende lobte aber auch den gegenwärtigen Einsatz der Ortsgruppe und ihrer Aktiven: „Sie bieten uns die Gewähr, dass Karlsruhe seinen Spitzenplatz in Zukunft behaupten wird.“

Auch Bürgermeisterin Margret Mergen, die mit der Arbeit der Landsmannschaft in Karlsruhe gut vertraut ist, geizte nicht mit Lob, vor allem für die Leistung der Ortsgruppe, in Eigenregie ein heruntergekommenes Haus in eine Stätte zu verwandeln, in die Jung und Alt gerne kommen, die mit Leben erfüllt ist und in der verschiedene Generationen Hand in Hand für die eigene Zukunft mitarbeiten. „Machen Sie weiter so!“, sagte sie mit Blick auf die Vorsitzende Erna Pacer und ihre tatkräftige Mannschaft.

Leontine Wacker dankte nicht nur der Ortsgruppe für ihren Einsatz, sondern sprach auch der Stadt ihre Anerkennung für die Unterstützung des Vereins aus, was durchaus nicht selbstverständlich sei. Sie hob hervor, dass die Ortsgruppe Karlsruhe bis zum heutigen Tage zu den mitgliederstärksten Gliederungen der Landsmannschaft gehört und Platz 4 in der bundesweiten Rangliste einnimmt.

 

Jugend ganz vorne

 

Zu Beginn des Abendprogramms stellte Ida Martjan die Aktivitäten des Jugendhauses der Landsmannschaft vor. An den Wänden des Gemeindesaals präsentierte sich die Malschule „Pinocchio“ (Leiterin: Anna Kastalion) mit Bildern von Kindern aller Altersgruppen. Zwischendurch konnten die Gäste anhand einer Bildpräsentation das rege und vielfältige Treiben im Jugendhaus nachvollziehen.

Seit Jahren setzen die Ortsgruppe und ihr Vorstand auf eine gezielte Kinder- und Jugendarbeit. Bereits 2003 hat Ida Martjan die Tanzgruppe „Sterntaler“ aufgebaut, die nach wie vor das Aushängeschild der Landsmannschaft bei Veranstaltungen in Karlsruhe ist.

Im Rahmen des landsmannschaftlichen Projektes „Alle unter einem Dach – Integration in das Gemeinwesen der Stadt Karlsruhe und Umgebung“ (Leiterin Emilia Schmackow) ist 2006 die Tanzgruppe „Swing“ (Leitung: Galina Kulgunina) entstanden, in der über 30 Kinder zwischen vier und 13 Jahren tanzen.

Die erfolgreiche Vereinsarbeit hat der Landsmannschaft den Respekt und die Anerkennung der Stadt eingebracht, so dass ihr Engagement auch in den folgenden beiden Jahren unterstützt wurde.

Und so waren die jungen Darsteller auch an diesem Abend ganz vorne. Mit einem „Requiem“ zu Saxophonbegleitung erinnerte eine Jugendgruppe an die traurigen Zeiten der russlanddeutschen Geschichte.

Junge Tänzer zeigten ihr Können auch diesmal mit folkloristischen, orientalischen und modernen Tänzen. Die Brüder Denis und Maxim Schlegel (Gitarre und Geige) spielten klassische Musik in moderner Bearbeitung, während Jenny Kastalion den russischen Klassiker „Katju­scha“ sang.

Ida und Kornelius Martjan zeigten eine Szene aus dem Theaterstück „Hannes und Greta“, das am 8. und 9. Januar Premiere im Studentenhaus Karlsruhe hat. Der Chor „Retro“ (Leitung: Waldemar Friedrich) stellte sich mit vertrauten Liedern auf Deutsch und Russisch vor, und Bettina Kerth (Sopran) beeindruckte, begleitet von der Pianistin Julia Potaschnikow, mit Liedern von Franz Lehár, Peter Tschaikowski und Emmerich Kálmán.

Zum Schluss traten alle Solisten und Gruppen zum Abschlusslied „Lieber Gott, lass uns erhalten“ auf die Bühne, wobei Jenny Kastalion fabelhaft ihre Solorolle meisterte. Mit einem Erdball als Symbol für Einigkeit und Zukunft, der Aufschrift „Wir sind die Zukunft“ und den Worten „Lieber Gott, lass uns erhalten…/ Gib der Zukunft eine Chance,/ lass uns lernen und verstehen,/ damit die Kinder voller Hoffnung in die Zukunft gehen.“ demonstrierte die Karlsruher Landsmannschaft einmal mehr, wo sie steht.

 

Persönlichkeiten in der Geschichte der Ortsgruppe

 

Als die Landsmannschaft am 22. April 1950 in Stuttgart gegründet wurde, befand sich unter den Gründungsmitgliedern, die dem Ruf von Pfarrer Heinrich Roemmich gefolgt waren, auch ein Landsmann aus Karlsruhe, Prof. Dr. Benjamin Unruh, der die Glaubensgemeinschaft der Mennoniten vertrat. Bis zu seinem Tod 1959 war der auf der Krim geborene Wissenschaftler einer der Weggestalter der Landsmannschaft.

Einer der Mitgründer der Ortsgruppe Karlsruhe ist Ferdinand Romme, der im Mai 2010 90 geworden ist. Er gehörte nicht nur zu den Begründern der Ortsgruppe Karlsruhe, sondern war auch Mitbegründer der landsmannschaftlichen Ortsgruppen in Pforzheim, Mannheim und Heilbronn. Über viele Jahrzehnte hinweg engagierte sich Ferdinand Romme innerhalb des Vereins und griff ihm finanziell unter die Arme.

Besonders aktiv innerhalb der Landsmannschaft waren zwei Landsleute aus Karlsruhe, die nicht mehr unter uns weilen, die aber vielen noch in bester Erinnerung sind. Das ist zum einen die Vorsitzende des Kulturrates der Deutschen aus Russland in den Jahren 1982 bis 1986, Viktoria Fleck, die außerdem zehn Jahre lang Mitglied unseres Bundesvorstandes war. Und das ist zum anderen der langjährige Vorsitzende der Ortsgruppe Karlsruhe, Josef Lingor, der sich darüber hinaus auch auf allen anderen Ebenen landsmannschaftlicher Arbeit bewährte und gemeinsam mit Anton Bosch das Buch „Entstehung, Entwicklung und Auflösung der deutschen Kolonien am Schwarzen Meer“ verfasste.

Beim Bundestreffen 2004 in Karlsruhe leitete bereits Erna Pacer die Ortsgruppe. Unter dem Motto „Integration und Akzeptanz!“ trafen sich am 12. Juni rund 15.000 Besucher in Karlsruhe-Rheinstetten. Ein halbes Jahr vor Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes der Bundesregierung am 1. Januar 2005 warnte im Übrigen der Bundesvorsitzende Adolf Fetsch in seiner Ansprache mit deutlichen Worten vor der Einbeziehung der Deutschen aus Russland in den Geltungsbereich des Gesetzes. Er sagte damals: „Wer die Bestimmungen des Zuwanderungsgesetzes für Spätaussiedler durchsetzen will, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er die Trennung von Familien billigend in Kauf nimmt bzw. die Ausreise nach Deutschland faktisch beendet.“

            VadW