Dialogforum Kultur am 25. Mai 2011 in Genshagen

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Kulturelle Eingliederung der aus der Sowjetunion und den Republiken der GUS zugewanderten ca. 2,8 Mio. Deutschen aus Russland

Die aus der Sowjetunion und den Republiken der GUS nach Deutschland eingewanderten Russlanddeutschen und ihre andersethnischen Familienangehörigen haben einen unterschiedlichen rechtlichen Status: Spätheimkehrer, Spätaussiedler, Heimkehrer, Aussiedler, Abkömmlinge, ausländische Familienangehörige von Deutschen im Sinne des GG usw. Die meisten von ihnen haben nach ihrer Einreise nach Deutschland die deutsche Staatsangehörigkeit ihrer Eltern nachweisen können bzw. die deutsche Staatsangehörigkeit aufgrund ihrer Abstammung und ihres Schicksals (Art. 116 GG) verliehen bekommen.

Die kulturelle Eingliederung vollzieht sich im Verlauf von zwei bis drei Generationen und ist nicht nur durch die Eigenschaften und Neigungen der Einwanderer, sondern auch in hohem Maße von der Aufnahmebereitschaft und Aufnahmefähigkeit der Aufnahmegesellschaft bedingt. Integration ist ein Prozess, in dessen Verlauf Aufnahmegesellschaft und Migranten einen intensiven interkulturellen Austausch eingehen, sich füreinander öffnen. Die ältere Generation der Deutschen aus Russland hat eine deutsche Mundart als Muttersprache erlernt und wurde im christlichen Glauben erzogen. Die mittlere und jüngere Generation hatte nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten für das Erlernen der deutschen Sprache und der deutschen Sitten und Bräuche. Vielerorts fehlten diese Möglichkeiten gänzlich. Dies trifft in noch höherem Maße auf die zahlreichen andersethnischen Familienangehörigen zu.

Die Deutschen aus Russland sind in starkem Maße durch die multikulturellen und multireligiösen Gesellschaften ihrer Herkunftsregionen geprägt. Sie sind meistens zwei- oder dreisprachig. Die Studie „Ungenutzte Potentiale. Zur Lage der Integration in Deutschland. Berlin 2009“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hat gezeigt, dass deutsche Aussiedler aus der GUS eine sehr hohe Integrationsbereitschaft mitbringen, nach Bildung streben, bikulturelle Ehen eingehen und sich nach wichtigen soziokulturellen Indikatoren nach wenigen Jahren kaum von der einheimischen Bevölkerung unterscheiden.

Diese Integrationsbemühungen werden von staatlicher und kirchlicher Seite, nicht zuletzt durch die zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiter und Betreuer der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V., gefördert und begleitet. Die Landsmannschaft als ältester und größter Interessenverband der Deutschen aus Russland hat in ihrer 60-jährigen Tätigkeit sehr unterschiedliche Phasen der Integration mitgestaltet und auf Defizite und Nöte hingewiesen und diese in Zusammenarbeit mit staatlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Trägern und Einrichtungen zum Wohle ihrer Angehörigen und Schicksalsgleichen zu lösen versucht.

Nach unserer Auffassung besteht ein erhebliches Bundesinteresse daran, dass die Kultur und Geschichte der Deutschen aus Russland und den GUS-Republiken sowohl für unsere Landsleute als auch für die breite Öffentlichkeit als Teil der gesamtdeutschen Kultur und Geschichte sichtbar und begreifbar gemacht und dadurch in stärkerem Maße für die kulturelle Integration der Aussiedler genutzt wird. Dafür ist eine kontinuierliche wissenschaftliche, publizistische und museumspädagogische Auseinandersetzung mit dem sehr fassettenreichen Thema erforderlich.

Diese Ziele können durch ein Bündel von Projekten und Initiativen erreicht werden, als deren wichtigste aus der Sicht der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland betrachtet werden:

1. Institutionelle Etablierung

Aus unserer Sicht ist die Etablierung der Erforschung der Kultur und Geschichte der Deutschen im Russischen Reich, in der Sowjetunion und in der GUS als Forschungseinrichtung im Zuständigkeitsbereich des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien erforderlich. Die Angliederung an eine regional und thematisch anders orientierte Einrichtung entspricht nicht der Bedeutung des zu erforschenden Bereichs und kann den an sie aus dem In- und Ausland gerichteten Erwartungen nicht gerecht werden. Das Bundesinteresse an einer kontinuierlichen Forschung auf diesem Gebiet und der Nutzung der Forschungsergebnisse für wissenschaftliche und gesellschaftsrelevante Aufgaben im In- und Ausland, auch im Hinblick auf die Vertiefung der gutnachbarschaftlichen Beziehungen zu den Ländern der GUS, sind so offensichtlich, dass an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen wird.

Dafür können schon kurzfristig Teile der in Göttingen vorhandenen bisherigen außeruniversitären Forschungseinrichtungen herangezogen und mit Mitteln und Möglichkeiten des Patenlandes Baden-Württemberg auf intelligente Weise zu einem neuen wissenschaftlichen und kulturellen Forschungsbereich zusammengeführt werden. Als Vorbild können das Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde an der Universität Tübingen und das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm dienen.

Diese Forschungseinrichtung sollte mit mindestens vier Planstellen für Wissenschaftliche Mitarbeiter (1. Deutsche Geschichte und deutsch-russische Beziehungen vom 16. bis 19. Jahrhundert; 2. Kultur und Geschichte der Deutschen in Russland und in der UdSSR im 20. und 21. Jahrhundert, deutsch-russische bzw. deutsch-sowjetische Beziehungen; 3. Kultur und Geschichte der Deutschen und Mennoniten in der Ukraine vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart; 4. Kultur und Geschichte der Deutschen und Mennoniten in Kasachstan, Mittelasien und im Kaukasus), Bürokräften und entsprechenden Sachmitteln ausgestattet werden. Die Forschungstätigkeit sollte interdisziplinär organisiert und neben Geschichte (einschließlich Wirtschafts-, Sozial-, Wissenschafts-, Rechts-, Kirchen- und Kunstgeschichte) die Fachrichtungen Soziologie, Volkskunde, Siedlungsgeographie, Demographie und Literaturwissenschaften umfassen. Vordringlich ist das Aufzeichnen von mündlichen Überlieferungen der älteren Generation, die selbst noch Träger verschiedener Mundarten sind und als Zeitzeugen über die Geschichte und den Alltag in den Jahren 1920-1950 berichten können. Die dafür verbliebene Zeit bemisst sich mit nur wenigen Jahren.

Die Sicherung wissenschaftlicher Standards kann durch ein international besetztes Kuratorium gewährleistet werden, wobei die Forschungseinrichtung mit einer der Universitäten in Baden-Württemberg (Heidelberg, Freiburg oder Tübingen) über eine enge Kooperation (An-Institut) auch im Lehrbetrieb in Verbindung gebracht werden sollte.

Eine zentrale Aufgabe des Forschungsbereichs soll der Aufbau eines Museums mit einer ständigen Exposition und wechselnden Ausstellungen, an denen Museen aus der GUS beteiligt werden können, sein. Der Forum-Charakter des Forschungsbereichs wird eine Plattform für die grenzüberschreitenden wissenschaftlichen Kontakte und die Vermittlung von Kenntnissen über die Kultur und Geschichte der Deutschen in Russland an Multiplikatoren, Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft, an Studenten und Schüler sein.

2. Kulturreferenten der Landsmannschaft

Um auch innerhalb der Landsmannschaft selbst wieder ein Niveau zu erlangen, das der reichen Kultur der Volksgruppe gerecht wird, benötigen wir zwei Kulturreferenten, die sich auf hauptamtlicher Basis mit Aufgaben wie den folgenden befassen könnten:

– Koordination der ehrenamtlichen Kulturarbeit in den rund 150 Orts- und Kreisgruppen der Landsmannschaft und Fortbildung der dortigen Mitarbeiter.

– Mitwirkung am Aufbau eines Archivs und eines Museums, in denen die Kulturgeschichte der Russlanddeutschen umfassend und für die Öffentlichkeit zugänglich dargestellt wird.

– Mitwirkung am Verfassen von Publikationen zur Geschichte und Kulturgeschichte der Russlanddeutschen, die Wissenschaftlern wie Laien einen wichtigen, aber bisher weitgehend vernachlässigten Teil der deutschen Geschichte näher bringen würden.

– Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen und anderen Einrichtungen, die sich im In- und Ausland mit der Geschichte der Russlanddeutschen beschäftigen.

– Mitwirkung am Aufbau von Einrichtungen zur Pflege der Kultur und Geschichte der Russlanddeutschen in Deutschland und in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

– Vorbereitung und Durchführung von landsmannschaftlichen Maßnahmen der kulturellen Breitenarbeit auf allen Ebenen.

– Einbindung von auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet tätigen und erfolgreichen Landsleuten in die Arbeit der Landsmannschaft.

3. Wanderausstellung der Landsmannschaft

Die von der Bundesregierung (BMI) geförderte Wanderausstellung „Volk auf dem Weg. Geschichte und Gegenwart der Deutschen aus Russland“ trägt ganz wesentlich zur Verbreitung von Kenntnissen über die Deutschen aus der GUS bei und fördert dadurch die Akzeptanz der Deutschen aus Russland durch die einheimische Bevölkerung. Sie wird gegenwärtig in sieben identischen Ausfertigungen gezeigt und von zwei hauptamtlichen Projektleitern der Landsmannschaft betreut. In den vergangenen Jahren wurde sie an jeweils rund 100 Örtlichkeiten (vor allem in Schulen, aber auch z.B. in Rathäusern oder Landratsämtern) gezeigt und durch zahlreiche Rahmenveranstaltungen ergänzt.

Gegenwärtig stehen rund 300 Interessenten auf der Warteliste, die von Monat zu Monat länger wird. Wir halten es daher für angebracht, den beiden Projektleitern einen weiteren Mitarbeiter an die Seite zu stellen.

Darüber hinaus wäre es erforderlich, die Wanderausstellung unter Berücksichtigung neuer Forschungserkenntnisse und museumspädagogischer Empfehlungen möglichst bald zu überarbeiten und vor dem Hintergrund didaktischer Überlegungen für die Präsentation in Schulen neu zu konzipieren.

 

4. Öffentlichkeitsarbeit der Landsmannschaft

Nach Auffassung der Landsmannschaft kann es nur bedingt effektiv sein, über Verbesserungen bei der Integration von Deutschen aus Russland nachzudenken und zu beraten, solange das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihnen macht, durch die einseitige und negative Berichterstattung in den Medien beeinflusst wird. Neben dem bereits erwähnten weiteren Ausbau der Wanderausstellung „Volk auf dem Weg“ benötigt die Landsmannschaft Unterstützung u.a. in den folgenden Teilbereichen ihrer Integrationsarbeit: 

– Finanzielle und evtl. auch institutionelle bzw. personelle Unterstützung der Presse- und Informationsarbeit der Landsmannschaft (vor allem in ihrem Vereinsorgans „Volk auf dem Weg“, auf ihren Internetseiten unter www.deutscheausrussland.de sowie in zusätzlichen Informationsbroschüren), um die Integrationsprobleme sowie die Ansätze zu ihrer Lösung auf breiterer Grundlage in kompetenter Weise in die Öffentlichkeit bringen zu können. Damit könnte auch der Tendenz russischsprachiger Presseorgane entgegengewirkt werden können, Spätaussiedler auf eine Politik einzuschwören, die den Grundsätzen einer demokratischen Gesellschaft widersprechen.

– Behandlung des Themas „Russlanddeutsche/Deutsche aus Russland“ als selbstverständlicher Bestandteil des Lehrplans deutscher Schulen. Sehr wünschenswert wäre beispielsweise eine Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema„70 Jahre Deportation der Deutschen in der Sowjetunion“, die in den nächsten Monaten, auf jeden Fall aber noch in diesem Schuljahr, für Schulen verfügbar wäre. Dies ist nicht zuletzt deshalb erforderlich, weil das Geschichtsbuch „Geschichte und Gegenwart. Bd. 2.“, herausgegeben von Hans-Jürgen Lendzian und Christoph Andreas Marx, erschienen im Schöningh Verlag (ISBN 10: 3-14-024902-0), mit seinen fehlerhaften Ausführungen zur Geschichte der Deutschen in der Sowjetunion und während der deutschen Besatzung eine sehr negative Resonanz erzeugt und ausgesprochen schädliche Reaktionen seitens rechtsradikaler Kräfte verursacht hat. Dies bedarf unbedingt einer alsbaldigen Korrektur.

Dr. Alfred Eisfeld