Die Heimat meines Gaumens

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Albina Baumann

Tomfnutlja oder Käsknepflja zuzubereiten, war für uns und unsere Eltern in der Sowjetunion selbstverständlich. Wir identifizierten uns regelrecht mit den aus Deutschland mitgebrachten und über Generationen überlieferten Gerichten. Ganz selbstverständlich mischten wir die Spezialitäten auch mit russischen oder ukrainischen, und so gab es bei uns mal Poscht (Borschtsch) mit Pompuschka, Tarakichlja oder Tomfnutlja, mal Pompuschka, Tarakichlja oder Tomfnutlja mit Nudlsup. (Einige Rezepte im Beitrag.)

Allein die Erinnerung an meine Oma und den Duft der frischen Tomfnutlja lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Diese Hefeteigspeise auf dem Gaumen – hmmm, ein Genuss! Wäre es möglich gewesen, hätten sie komplett aus den goldbraunen Krischtl‘ja bestehen müssen. Um diese knusprige, leicht salzige Kruste stritten wir Kinder uns regelrecht! Im Winter genossen wir sie mit einer heißen Krumperasup oder Poscht, und im Sommer servierte sie uns Oma in der kasachischen Hitze mit krina Poscht, einem kalten Obschtkompot oder Kefir.
Auch unsere russischen Nachbarskinder liebten diese „Tomfnudlja“. Immer wieder rannten wir nach Hause und schleppten Hände voll auf die Straße, wo sie sogleich von allen Mädels und Buben verschlungen wurden.

Einmal kam Sveta von nebenan und fragte mich: „Wann macht eure Oma mal wieder diese Nutlja.“ Es war gerade Sommer, und ich nahm sogleich an, sie meint die Nudeln für Nudelsuppe – zu gern naschten wir von dem rohen Teig –, also war meine Antwort: „Nicht so schnell, es ist Sommer, und Nudlsup wird meistens im Winter gegessen.“ Sveta war etwas verwirrt und erwiderte: „Aber sonst hat es die doch im Sommer mit Kompot gegeben.“ Nun verstand ich und sagte lachend, dass sie Tomfnutlja meint. Und sofort bestellten wir diese Leckerei bei Oma.

Als ich nach Deutschland kam, ging ich davon aus, dass man hier diese typisch deutschen Speisen auch kennt. Doch im badischen Karlsruhe belehrte man mich eines Besseren. „Käsknöpfle, Spätzle, Kichlja, das hört sich so schwäbisch oder österreichisch an, da müsst ihr her stammen“, hörte ich unsere deutschland-deutschen Nachbarn immer wieder sagen – ein Widerspruch zu dem, was unsere Ahnenforschung hervorgebracht hatte, gemäß der wir aus dem Badischen oder Elsässischen stammten.

Etwas später verschlug mich das Schicksal nach Ulm, in das Schwabenland. Ich lernte Spätzle, die unsere Familie bis dahin nicht gekannt hatte, kennen und lieben. Mehlspeisen sind nun mal meine Leibspeisen. Zumindest was das Essen anging, dachte ich, nun zu Hause angekommen zu sein. Doch weit gefehlt. Als ich einmal Dampfnudeln – mittlerweile kannte ich auch das hochdeutsche Wort dafür – vor meinen Klassenkameradinnen erwähnte, schwärmte Heike: „Hmmmm, Dampfnudeln mit Vanillesoße! Lecker! Gibt´s bei uns auch.“ Das ließ sich nun ganz und gar nicht mit meinen Geschmackserinnerungen aus Kindertagen vereinbaren. Dampfnudeln ohne die goldbraune, knusprige, leicht salzige Kruste? Genau das machte doch unsere Dampfnudeln aus!
Ich schwärmte von unseren Dampfnudeln, und wir fingen an zu diskutieren, welche denn nun die richtigen seien. Klar kamen wir nicht auf einen Nenner.

Dann stellte sich der Unterschied bei den Käsknöpfle als noch gravierender heraus. Während unsere ein mit Schichtkäse gefüllter Nudelteig waren, handelte es sich bei den baden-württembergischen um runde Spätzle, die mit Käse überbacken wurden. Wie bei vielem anderem beendete ich daraufhin auch hier irgendwann die Identitätssuche.

Wir zogen wieder um, diesmal ins unterfränkische Volkach. Die Zeiten änderten sich. Durch Kinder, Arbeit, Garten und viele Verpflichtungen blieb fürs Zubereiten der einen oder anderen Köstlichkeit keine Zeit. So freuten sich die Kinder, wenn Oma und Opa zu Besuch kamen, dann gab es diese Spezialitäten auf Bestellung. Für die ganze Familie war es immer wieder wie ein Fest.

So auch in den Sommerferien, als Matthias – ein Namensvetter meines Ältesten – vom Nachbarhaus mit meinen Kindern im Garten spielte. Es war ein wunderschöner Sommertag, ein Tag, wie man sich den Sommer in Unterfranken so vorstellt: Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, und es war herrlich warm, alles war irgendwie feierlich.

Oma rief alle zum Essen. Matthias wunderte sich über die seltsame „Wurst“, die auf seinem Teller lag, und fragte nach, was das denn sei. Es sah so völlig anders aus als alle Würste, die er sonst kannte. Lachend erklärten wir dem Jungen, es sei eine Krumperawoascht. Erst skeptisch und dann voller Genuss verspeiste der Bub alles, was auf seinem Teller war, und verlangte Nachschlag. „Ich hop kotenkt, ´s bleibt eps fa mor´ja iwa“, rief Oma aus, „Kot sei Donk, oles isch weg, un mor´ja kebt´s a schena Tok!“

Die Großeltern fuhren heim, und der Alltag kehrte ein, das außergewöhnliche Mahl hatte ich fast schon vergessen, als mich Matthias‘ Mutter auf der Straße ansprach: „Sag mal, was gab es denn bei euch neulich zu essen?“ Da ich wusste, dass Franken zu Kartoffeln genauso wie wir Krumberen sagen, gab ich kleinlaut von mir: „Eh, Krumberawurscht, ein altes deutsches Gericht.“ Sie lachte: „Aha, und ich dachte Matthias fantasiert was zusammen. Wie geht das? Sind da wirklich Kartoffeln in der Wurst?“ Nun lachte ich: „Ja, mit Fleisch und Zwiebeln.“ “Als ich den Bu gefragt habe, wie denn diese Krumberawurst geht, hat er gesagr: ‚Na, Krumbera in a Wurscht.‘ Das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Muss sehr gut geschmeckt haben, unser Bengel ist nämlich sonst sehr wählerisch, was das Essen angeht.“

Wir lernen noch mehr Nachbarn kennen, die Kinder freundeten sich mit dem einen oder anderen Klassenkamerad an. Auch hier schätzte man unsere Gastfreundschaft. Manchmal staunten die Freunde: „Was ist denn das?“ – „Das kenne ich nicht!“ – „So ein Essen kocht meine Mama nicht.“ Dann erklärte ich, je nachdem woher das Zubereitete stammte, was es war und dass es ein altes deutsches Gericht oder auch etwas Russisches sei. Und wieder schmeckten die exotischen Speisen den meisten Kindern.

Ich hörte auf, darüber nachzudenken, dass man die eigenen guten, leckeren Nationalgerichte durch aus aller Herren Länder stammende ersetzte. Meine Kinder wuchsen nun mit der großen Palette internationaler Speisen auf. Italienische Spaghetti und Pizza kamen bei uns genauso wie chinesische Frühlingsrollen und Nasi Goreng, russische Pelmeni und Blini oder russlanddeutsche Käsknepflja und Krumperawoascht auf den Tisch. Auch Schmorbraten, Rinderrouladen und Schnitzel bereitete ich nun ganz selbstverständlich zu. Und hier im Fränkischen lernte ich sogar von einer Fränkin, wie man schwäbische Spätzle selber herstellt.

Die Jahre vergingen, die Kinder wurden groß, zogen aus, lernten ihre Partnerinnen kennen. Unser Großer zog zurück nach Ulm in die Nähe von Oma und Opa. Irgendwann erzählte Mona, unsere Schwiegertochter, so nebenbei bei einem Telefonat, Mathi hatte sich Krumperawoascht gewünscht, und so waren sie am Vortag bei Oma zum Essen eingeladen gewesen.

„Und, hat dir die Krumperawoascht geschmeckt?“, war ich gleich neugierig. „Na, nichts Besonderes, wie halt Kartoffelwurscht so schmeckt“, kam für mein Gefühl fast zu schnell und sehr entspannt die Antwort. „Äh – hattest du sie schon mal probiert?“ „Probiert? Kenne ich doch schon, seit ich mich kenne.“ Mein Kinn fiel runter, und nun überschüttete ich sie mit Fragen „Wie? Was? Woher? Aber das ist doch ein russlanddeutsches Essen?“ „A wo, wie kommst du darauf? Die gibt es bei uns in Hessen. Man kann sie sogar in einer Metzgerei kaufen, und meine Mama holt sie immer wieder, wenn ich in die Heimat fahre.“ „Die will ich unbedingt probieren!“

So kam es, dass bei der nächsten Familienfeier hessische Kartoffelwurst als Festspeise kalt und am nächsten Tag angebraten serviert wurde. War das ein Ereignis! Hessisch-russlanddeutsche Verständigung über vier Generationen! Noch am Tisch hatten alle gleich ihre Bestellungen bei der russlandsdeutschen Oma für die Krumperawoascht aufgegeben, die beim nächsten Treffen auch sofort erledigt wurde.
Nur die Enkelsöhne verschmähten die Köstlichkeit jeweils. Da sie kaum Fleisch essen, sei es ihnen verziehen. Blieb doch für uns, die Erwachsenen, mehr übrig!

Die Erkenntnis der beiden Verkostungstermine war sehr einfach und lehrreich. Es ist „das Gleiche, aber einfach anders“ – genauso sieht es im Übrigen auch Maria Warkentin in ihrem Stück „Mix-Markt“.
Wir Menschen sind nun mal die Summe unserer Erlebnisse, da gehört auch der Geschmack dazu. Diese können wir nicht einfach wie ein Kleidungsstück ablegen oder wechseln. Wer seit Kindheitstagen einen Geschmack kennt, kann Bewunderung für eine ähnliche Spezialität aufbringen, schmecken wird ihm die vertraut zubereitete Speise trotzdem besser. Dampfnudeln mit Vanillesoße weiß ich mittlerweile auch zu schätzen, bevorzuge jedoch immer noch unseren salzigen Tomfnutlja.

Dank Internet weiß ich nun, dass es die Kartoffelwurst im Kanton Graubünden in der Schweiz und im Südwesten Deutschlands – Hessen, Nordbaden, Unterfranken, Saarland, Rheinland-Pfalz – heute noch gibt. Da Kartoffeln günstiger als Fleisch waren, wurde die Wurst damit gestreckt und war früher vor allem ein Arme-Leute-Essen.

Genau weiß ich nicht, ob meine Vorfahren vor der Revolution arm waren oder ob sie – wie viele Deutsche in Russland – zu den wohlhabenden Bauern gehörten. Doch was juckt mich das? Mein Gaumen hat seine Heimat gefunden! Und das ist wichtiger als die Vergangenheit und mir mehr wert als alles Geld der Welt!

Albina Baumann