Ehrengabe – Agnes Gossen-Giesbrecht

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Ehrengabe des Russlanddeutschen Kulturpreises des Landes Baden-Württemberg

Agnes Gossen-Giesbrecht: „Die deutschen Autoren aus Russland sind das Sprachrohr der Russlanddeutschen“

Die Lyrikerin und Essayistin Agnes Giesbrecht (geb. Gossen) wurde 1953 im russlanddeutschen Dorf Podolsk, Gebiet Orenburg, geboren. Schon in ihrer frühen Kindheit entwickelte sie eine Liebe zum Buch und zum geschriebenen Wort, verfasste seit der Schulzeit Gedichte, hauptsächlich in russischer Sprache. Zu Hause sprach man Plattdeutsch. Agnes studierte Slawistik an der Pädagogischen Hochschule Orenburg und Bibliothekswesen im Nordkaukasus, unterrichtete anschließend die russische Sprache und Literatur im Gebiet Orenburg unad im Nordkaukasus, war als Bibliothekarin und gleichzeitig als freischaffende Journalistin tätig, leitete einen Literaturzirkel. Seit 1989 lebt Agnes Gossen-Giesbrecht in Deutschland und arbeitet als Bibliothekarin an der Universität in Bonn. Neben dem Hauptberuf unterrichtet sie Russisch an der Volkshochschule, engagiert sich bei der Bonner Plattdeutschen Initiative, der Bonner Werkstatt Kreatives Schreiben und in der Gesellschaft Prussia, „bastelt“ am Projekt „Literaturbrücke Bonn-Kaliningrad“. 1995 gründete sie mit anderen Gleichgesinnten den Literaturkries der Deutschen aus Russland e.V. und leitete ihn rund 12 Jahre. In dieser Zeit entwickelte sich der Freundeskreis von ursprünglich 14 Autoren zu einem Bundesverband mit über 90 Mitgliedern. Als Vorsitzende hat sie zahlreiche Veranstaltungen organisiert und „Geburtshelferin“ bei vielen Publikationen gewesen. „Es war für mich nie so wichtig, eine Vorsitzende zu sein. Wichtig war immer, dass sich etwas bewegt, dass die russlanddeutsche Literatur in Deutschland präsent wird. Es war mehr Verantwortung als Ehre und außerdem eine riesige Aufgabe, die nur dank immer neuen Kontakten und der Unterstützung vieler Autoren machbar war“, sagt sie rückblickend.

In Russland begeisterte sich die Lyrikerin insbesondere für die Klassiker der russischen Literatur, aber auch für die Freigeister wie Anna Achmatowa, Marina Zwetajewa oder Josef Brodskij. In der neuen Heimat entdeckte sie die poetische Sprache bekannter deutscher Autoren und wagte 1991 den Versuch in deutscher Sprache zu schreiben, unter anderem im Rahmen einer Literaturwerkstatt in Bonn.     Inzwischen hat sie sich zu einer Autorin entwickelt, die mit beiden Sprachen souverän und kreativ umgeht. Agnes Gossen-Giesbrecht ist Autorin von  sechs eigenen Büchern in Deutsch und Russisch sowie Herausgeberin mehrere Publikationen des Literaturkreises der Deutschen aus Russland. Als Dichterin hat sie sich am meisten gefreut, als 2000 ihre ersten zwei Bücher in Deutsch „Die Feder tanzt“ und „Zwischen gestern und heute“ im Robert Burau Verlag veröffentlicht wurden und als 2005 die von ihr zusammengestellte Anthologie „Kindheit in Russland“ erschien, die 2007 bereits ihre zweite Auflage erlebte. Jetzt arbeitet Gossen-Giesbrecht an einer Fortsetzung, sammelt neue Texte über Kindheiten in Russland und Deutschland aus der Nachkriegszeit bis zum heutigen Tag. Die deutschen Autoren aus Russland sieht sie als Sprachrohr der Russlanddeutschen, die ihrer verschwiegenen Volksgruppe eine Stimme verleihen. „Wenn unsere Bücher gelesen werden, können die Einheimischen uns besser verstehen und weniger Vorurteile uns gegenüber haben. Besonders freut es mich, wenn ich von einheimischen Kollegen höre, dass wir die bundesdeutsche Kultur bereichern, ein frischer Wind für sie sind, neue Themen und Erfahrungen einbringen“, sagt Gossen-Giesbrecht. In den 12 Jahren als Vorsitzende des Literaturkreises hat sie unter anderem dazu beigetragen, dass der Verein auf eigenen Beinen steht – mit inzwischen sechs Orts- und Regionalgruppen, die von engagierten Autoren geleitet werden. Trotzdem wird sie auch in Zukunft wohl alle Hände voll zu tun haben. Sie plant ein Buch über den Literaturkreis sowie zwei eigene Publikationen mit größeren Prosatexten, die geduldig in der Schublade warten.

Interview

Agnes Gossen-Giesbrecht: „Ich bin optimistisch… – die russlanddeutsche Literaturszene befindet sich in ständiger Bewegung und entwickelt sich dadurch weiter“

VadW: Was bedeutet für Sie der Russlanddeutsche Kulturpreis?

Agnes Gossen-Giesbrecht: Er war für mich eine Überraschung, aber auch eine Ehre und Anerkennung für den ganzen Literaturkreis der Deutschen aus Russland. Das unveröffentlichte Manuskript, das ich eingereicht hatte, weil der Kulturpreis auch für Literaturkritik ausgeschrieben war, enthielt meine Gespräche mit bekannten deutschen Autoren aus Russland wie Lore Reimer, Andreas Peters, Ida Bender, Eugen Warkentin, aber auch mit jüngeren Autoren Max Schatz, Juri Bender oder dem Liedermacher Dimitri German sowie meine Rezensionen zu Büchern unserer Autoren. Leider haben wir zu wenige gute Literaturkritiker, Ausnahmen sind Herold Belger und Elena Seifert, Nina Paulsen und der Rumäniendeutsche Ingmar Brantsch, die sich alle bestens in der Materie auskennen. Literatur und Literaturkritik leben von einander. Literaturkritik ist wichtig, um auf die Bücher deutscher Autoren aus Russland aufmerksam zu machen, ihre Stärken und Schwächen zu analysieren, aber auch für die Belebung und weiteren Entwicklung der Literaturwissenschaft.

Sie gehörten zu den Begründern des Literaturkreises  der Deutschen aus Russland e.V. vor 15 Jahren und haben den Verein zwölf Jahre lang mit viel Enthusiasmus geleitet. Wie hat sich aus Ihrer Sicht die russlanddeutsche Literaturszene in den vergangenen Jahren verändert? Wie hat der Literaturkreis dazu beigetragen?

Am Anfang war es ein kleiner Kreis von Gleichgesinnten mit 14 Autoren. Vor drei Jahren waren es 96, jetzt ist der Literaturkreis leider fast auf die Hälfte geschrumpft. Am Anfang haben wir 70-seitige Literaturkalender herausgegeben, 2001 den ersten zweisprachigen Almanach. In den letzten Jahren, wo sehr viele neue Mitglieder, die Russisch schreiben, zu uns kamen, konnten wir zwei Literaturalmanache im Jahr  herausgegeben – in Deutsch und in Russisch. Aber es sind auch über 50 neue Einzelbände von unseren Autoren erschienen, darunter auch Romane z.B. von Viktor Heinz oder Anatoli Steiger. Besonders erfreulich,  dass wir für unsere jungen Liedermacher zwei Broschüren mit Liedertexten in Deutsch und Russisch veröffentlichen konnten, und dass zur jungen Generation des Literaturkreises sechs Kinder unserer Mitglieder gehörten, die hier in Deutschland aufgewachsen sind und Deutsch als Muttersprache beherrschen. Max Schatz, Florian Bergner und Juri Bender haben bereits mit 18 Jahren ihre ersten Publikationen veröffentlicht. Lena Klassen, die Tochter der Dichterin Lore Reimer, hat mittlerweile sieben Bücher herausgegeben. Das beweist, dass sich die russlanddeutsche Literaturszene nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ verändert.

Die Literatur der Deutschen aus Russland bleibt einer breiten Leserschaft nach wie vor weitgehend unbekannt. Was fehlt, damit es anders wird?

Leider ist es die bittere Realität. Andererseits ist das Lesen in Deutschland laut einer Statistik auf 13 Leser pro herausgegebenes Buch geschrumpft, und ein Drittel der gesamten Lesezeit geht auf Gebrauchsanweisungen. Und natürlich haben unbekannte Autoren es schwieriger, auf dem riesigen deutschen Büchermarkt auf sich aufmerksam zu machen.

Es gibt aber auch positive Beispiele, die sich auf Autoren mit russlanddeutschen Wurzeln beziehen. Die wohl bekannteste Autorin seit vielen Jahren ist Nelly Däs, die erste Preisträgerin des Russlanddeutschen Kulturpreises in Literatur 1996. Ihr Buch „Mädchen vom Fährhaus“ wurde verfilmt. Der junge Autor Johann Trupp gewann 2007 den 15. open mike und den Preis der taz-Publikumsjury. Eleonora Hummel aus Dresden, Förderpreisträgerin des Russlanddeutschen Kulturpreises 2002, bekam für ihren Roman „Die Fische von Berlin“ 2006 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis (Auszeichnung der Robert-Bosch-Stiftung für herausragende literarische Leistungen deutschschreibender Autoren, deren kulturelle Herkunft nicht in Deutschland ist). Inzwischen ist 2009 ihr Fortsetzungsroman „Die Venus im Fenster“ erschienen. Es gab auch schon russlanddeutsche Filmpreisträger, und vielleicht ist das der „modernste“ Weg, die Werke unserer Autoren bekannt zu machen.

Ich freue mich auch darüber, dass die Anthologie mit humoristischen Erzählungen, herausgegeben vom Literaturkreis, gut ankommt. Und die „Kindheit in Russland“ ist in 2. Auflage erschienen. Wahrscheinlich, weil diese Themen bestimmte Lesegruppen besonders ansprechen.

Ich bin optimistisch, was die Entwicklung der russlanddeutschen Literatur angeht. Bestimmt werden einige schreibende Vertreter der jüngeren Generation es schaffen, in Deutschland bekannt zu werden.

Deutsch oder Russisch auch? Das Dilemma hatte die russlanddeutsche Literatur der Nachkriegszeit  bereits in der Sowjetunion, damals wurden die auf Russisch verfassten Werke eher verleugnet. Hier und heute sind sie Realität, auch wenn sie eine stark begrenzte Leserschaft haben. Sie selbst sind der beste lyrische Beweis dafür, wie man eine neue Heimat gewinnen kann, ohne die alte  Heimat verlieren zu müssen. Und doch, wo liegt – sprachlich gesehen –  aus Ihrer Sicht die Zukunft der Literatur der Deutschen aus Russland?

Die Zukunft unserer Literatur in Deutschland liegt natürlich in deutscher Sprache, auch wenn es momentan noch nicht so aussieht. Die zweite Aussiedlergeneration kann teilweise nur noch Russisch reden, aber oft nicht mehr lesen und schreiben, wenn sie als Kleinkinder nach Deutschland gekommen und hier aufgewachsen sind.

Ich selbst habe lange Zeit Gedichte in Russisch, aber Erzählungen und Rezensionen seit meiner Ankunft in die neue Heimat bewusst in Deutsch geschrieben. Später habe ich dann auch drei Gedichtbändchen in Deutsch veröffentlicht. In der letzten Zeit habe ich auch einige Erzählungen und Gedichte in Plattdeutsch geschrieben sowie Autorenseminare für Plattdeutsch Schreibende organisiert. Der Dialekt ist die Quelle unserer Sprache, er bereichert und schmückt sie, wenn er vielleicht auch langsam ausstirbt. Jede Sprache ist auf ihre Weise schön und eine Bereicherung, aber die Liebe zur Muttersprache und ihre Pflege ist besonders wichtig. Für unser so lange heimatlos gewesenes Volk ist die Sprache immer die Heimat gewesen.

In letzter Zeit ist es stiller um den Literaturkreis der Deutschen aus Russland geworden. Liegt es an der mangelnden Führung oder daran, dass sich Autoren an vielen Orten bundesweit organisieren? Ist es eine Entwicklung, die der Literatur der Deutschen aus Russland insgesamt gut tut oder nicht?

Vor einigen Jahren hatten wir sechs Ortsgruppen des Literaturkreises gegründet, weil es z.B. in Berlin und Hamburg, aber auch in Bonn und im Süden aktive Autoren gab, die mehrere Veranstaltungen organisierten. Jetzt haben sich einige verselbständigt, wie die Berliner Gruppe, wo es bereits drei verschiedene Literaturvereine mit Landsleuten aus der ehemaligen Sowjetunion als Mitglieder gibt. Wie in einer großen Familie gab es auch im Literaturkreis in letzter Zeit einige negative Tendenzen, Meinungsverschiedenheiten und einen Überhang von Russisch schreibenden Autoren. Einige früher aktive Autoren haben sich zurückgezogen, die anderen kommunizieren seit Jahren übers Internet.

Vor kurzem wurde zum neuen Vorsitzenden des Literaturkreises Gennady Dick gewählt, der schon seit einiger Zeit eine russlanddeutsche Bibliothek mit Bücherpräsentationen und eine russlanddeutsche Zeitschrift im Internet anbietet. Ich denke auch, dass es wahrscheinlich der richtige Weg ist, die Kommunikation übers Internet zu aktivieren. Veränderungen sind unvermeidlich und das ist auch gut so, denn auch die russlanddeutsche Literaturszene befindet sich in ständiger Bewegung und entwickelt sich dadurch weiter.

Eigentlich war und bleibt der Schrifttellerberuf, wenn man ihn als Beruf bezeichnen kann, eine einsame Sache. Aber es tut immer gut, über den eigenen Tellerrand zu schauen, sich von anderen Autoren inspirieren zu lassen, also nicht nur zu schreiben, sondern auch fremde Bücher zu lesen und sich Gedanken über die gesamtdeutsche Literatur zu machen.

Fragen an Agnes Gossen-Giesbrecht stellte Nina Paulsen.

Buchbestellungen bei der Autorin ( Tel.: 0228 – 96 499 232; E-Mail: agnes.gossen@gmx.de, litkreis@gmx.de).und in Buchhandlungen:



 

 

„Agnes Gossen-Giesbrecht. Leben und Werk. Festschrift zum 55. Geburtstag“, 2008; ISBN 978-3-933673-55-0.

 

Agnes Giesbrecht „Die Feder tanzt…“, Gedichte; BMV Verlag Robert Burau; Preis 5,30 Euro; ISBN 978-3-935000-02-4.

Agnes Giesbrecht „Zwischen Gestern und heute“, Erzählungen; BMV Verlag Robert Burau; Preis 7,95 Euro – ISBN 978-3-935000-01-7.

Agnes Giesbrecht „Zwischen Liebe und Wort“, Lyrik; Geest-Verlag 2004; Preis 10,- Euro; ISBN 3-937844-31-7.

Interviews mit Agnes Gossen-Giesbrecht (von Nina Paulsen)

Interviews mit Agnes Gossen-Giesbrecht (von Lore Reimer)