Im Zentrum landsmannschaftlicher Arbeit

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         Im Zentrum landsmannschaftlicher Arbeit

60 Jahre Kreis- und Ortsgruppe Stuttgart

 

Alte Bekannte und neue Freunde, Gäste aus nah und von fern, dazu zahlreiche Ehrengäste aus Politik und Öffentlichkeit konnte Ludmilla Holzwarth am 16. Juli 2011 im Kolpinghaus Stuttgart-Bad Cannstatt zur 60-Jahr-Feier ihrer Kreis- und Ortsgruppe Stuttgart willkommen heißen.

 

Nach dem einleitenden Lied „Wo Musik sich frei entfaltet“, komponiert von keinem Geringeren als Wolfgang Amadeus Mozart und vorgetragen vom Stuttgarter Chor „Heimatklänge“ unter der Leitung von Marina Bauer, überbrachte der Stuttgarter Bundestagsabgeordnete Dr. Stefan Kaufmann die Grüße der CDU Stuttgart.

Rainer Wieland, Vizepräsident des Europäischen Parlaments, der gerade von einer Auslandsreise nach Estland zurückgekehrt war, zeigte sich betroffen von den persönlichen Schicksalen, die er schon früher bei Aufenthalten in der ehemaligen Sowjetrepublik Moldawien kennen lernen musste. Die Deutschen aus Russland, so Wieland, hätten in Verhältnissen wie diesen leben müssen; sie wüssten daher besser als andere, woher sie kämen und wohin sie nicht mehr zurück wollten. Vor dem Hintergrund der Weltsicht, die sich in ihnen in Jahrzehnten der Unfreiheit gebildet habe, seien die Deutschen aus Russland die ersten Botschafter für einen Brückenschlag zwischen den Ländern und Systemen.

 

Stuttgart und immer wieder Stuttgart

 

Der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft, Adolf Fetsch, und die stellvertretende Bundesvorsitzende und Vorsitzende der Landesgruppe Baden-Württemberg, Leontine Wacker, betonten in ihren Ansprachen die Bedeutung der Landesgruppe Baden-Württemberg und der Kreis- und Ortsgruppe Stuttgart für die gesamte Landsmannschaft. Es sei nicht möglich, die Entwicklungen innerhalb des Vereins zu schildern, ohne immer wieder auf die beiden Gliederungen zu sprechen zu kommen. Fetsch nannte einige markante Stationen:

Baden-Württemberg und mit ihm seine Landeshauptstadt Stuttgart waren in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg Zufluchtsort für die meisten Deutschen aus Russland, die in Angst vor einer Rückverschleppung in die Sowjetunion lebten.

Von dort waren einst die meisten ihrer Vorfahren nach Russland ausgewandert.

Dort suchten und fanden sie am ehesten ihre neue und eigentliche Heimat.

Und dort, im Südwesten Deutschlands, waren sie in größerer Sicherheit als in anderen Gebieten Deutschlands, die – schon aus räumlichen Gründen – eher dem Zugriff der Roten Armee ausgesetzt waren.

Und so war es beinahe selbstverständlich, dass man sich zur Gründungsversammlung der Landsmannschaft im Jahr 1950 auf Initiative von Pfarrer Heinrich Roemmich in Stuttgart traf.

Gerade einmal dreieinhalb Monate nach ihrer Gründung gehörte die Landsmannschaft in Stuttgart zu den Mitunterzeichnern der Charta der deutschen Heimatvertriebenen vom 5. August 1950.

Im Gründungsjahr der Kreis- und Ortsgruppe Stuttgart fand am Pfingstwochenende in Stuttgart-Feuerbach das erste Bundestreffen der Landsmannschaft statt, bei dem die 1.500 Teilnehmer beeindruckt waren vom Schlusswort des Festredners Prof. Unruh: „Wir müssen Wurzeln schlagen, oder wir geben uns auf.“

Acht Jahre später, beim Bundestreffen im benachbarten Ludwigsburg, waren es bereits 3.500 Teilnehmer, die sich, wie auch in späteren Jahren, an den Tischen der alten russlanddeutschen Siedlungsgebiete – Wolga, Schwarzmeergebiet, Wolhynien, Don, Nordkaukasus, Südkaukasus, Krim, Städte und Streusiedlungen – versammelten.

Nach einer längeren Phase, in der man sich hauptsächlich in Wiesbaden traf, war Stuttgart wieder von 1992 bis 2001 Gastgeber der Bundestreffen. Die Teilnehmerzahlen stiegen kontinuierlich an und erreichten mit stattlichen 40.000 ihren absoluten Höhepunkt beim bedeutendsten Bundestreffen, das im Jahr 1998 unter dem Motto „Einigkeit macht stark“ mit Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl auf dem Stuttgarter Killesberg stattfand.

Zu einer Zeit, da die Akzeptanz der Deutschen aus Russland in der bundesdeutschen Öffentlichkeit spürbar nachgelassen hatte, waren die Worte des Kanzlers Balsam für die Seelen seiner Zuhörer: „Wir sind froh und dankbar dafür, dass Sie zu uns kommen können. Sie alle sind ein Gewinn für unser deutsches Vaterland! Sie helfen mit, Deutschland auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorzubereiten. … Sie haben sich die Liebe und Verbundenheit zur Heimat in einem Maße bewahrt, wie es auch für andere vorbildlich ist.“

Ebenfalls von herausragender Bedeutung war die Übernahme der Patenschaft über die Landsmannschaft durch das Land Baden-Württemberg vor 32 Jahren. Die Patenschaftsurkunde wurde dem damaligen Sprecher der Landsmannschaft, Joseph Schnurr, im Rahmen einer großen Kulturveranstaltung in Stuttgart überreicht.

Stuttgart ist mit seinem prächtigen Weißen Saal des Neuen Schlosses seit 1996 auch Schauplatz des alle zwei Jahre verliehenen Russlanddeutschen Kulturpreises des Landes Baden-Württemberg.

Einleitend hatte der Bundesvorsitzende die Verdienste von Ludmilla Holzwarth mit den Worten gewürdigt: „Frau Holzwarth ist seit nicht weniger als 57 Jahren in der Landsmannschaft aktiv – als Mitglied des ersten ebenso wie des jetzigen baden-württembergischen Landesvorstandes, als Vorsitzende der Kreis- und Ortsgruppe Stuttgart seit 1997 und als eine derjenigen, die unsere Interessen im Bund der Vertriebenen genauso vertritt wie in zahlreichen Gremien auf Orts- und Landesebene.

Sie hat längst alle Auszeichnungen erhalten, die unser Verein zu vergeben hat, so dass wir uns heute darauf beschränken müssen, ihr noch einmal mit der Überreichung einer Ehrenurkunde von Herzen zu danken und ihr noch viele Jahre als treue Mitarbeiterin der Landsmannschaft zu wünschen.“

 

Sechs Jahrzehnte landsmannschaftlichen Lebens

 

Ludmilla Holzwarth zeichnete in ihrer Ansprache sechs Jahrzehnte landsmannschaftlichen Lebens in Stuttgart nach.

Sie erinnerte an die Gründung der Kreis- und Ortsgruppe im März 1951 mit Nikolaus Reschke als erstem Vorsitzenden. Von den weiteren Vorstandsmitgliedern konnten Emmy Frank und Walter Moderau als Gäste der Jubiläumsfeier begrüßt werden!

Im Amt des Vorsitzenden in Stuttgart lösten sich bis 1989 Julian Merling, der zu den Gründungsmitglieder der Bundeslandsmannschaft gehörte, Nelly Däs, Harry Tröster, Berta Bachmann, Helmut Kremser und Eugenia Martin ab.

Stellvertretend für die vielen Landsleute, die sich seit 1951 ehrenamtlich in die Vorstandsarbeit eingebracht haben, nannte Ludmilla Holzwarth außerdem die Namen von Peter Froese, Peter Hatzenbühler, Eduard Schächterle (†), Nelli und Josef Bauer, Peter Hoffart, Josef Germann (†), Laura Berg, Viktor Bauer, Gottlob Bieri (†), David Lehmann, Oskar Hummel (†). Maria Zernickel, Valentina Scheible, Pauline Leingang, Zita Walcker, Wendelin Bäcker, Magdalena Bauer und Bruno Heiderich.

1989 übernahm dann Ludmilla Holzwarths Ehemann Paul das Ruder, das er bis zu seinem Tod am 6. Dezember 1996 in Händen hielt. Seither amtiert Ludmilla Holzwarth, die sich auf ihre Vorstandsmitglieder Marina Bauer, Augustine Fichtner, Frieda Stöcker und Irina Keller sowie die Kassenprüfer Helmut Zeeb und David Lehmann verlassen kann.

Sorgfältig gepflegt wird von jeher die Chorarbeit. So hatte die Kreis- und Ortsgruppe in den ersten Jahren bis 1977 einen Männerchor unter der Leitung von Josef Germann. Im Dezember 1984 wurde dann der gemischte Chor „Heimatklänge“ gegründet, dessen Leitung Marina Bauer 1988 übernahm.

Sozialberatungen mit zum Teil wöchentlichen Sprechstunden, Durchführung eigener Feiern und von Veranstaltungen auf Landes- und Bundesebene, Mitwirkung bei Veranstaltungen zum „Tag der Heimat“ und vieles mehr bestimmen bis in die Gegenwart die landsmannschaftliche Arbeit in Stuttgart.

Ludmilla Holzwarth erinnerte ebenfalls daran, dass die Kreis- und Ortsgruppe ursprünglich für ein großes Gebiet zuständig war, zu dem die Orte Waiblingen, Schorndorf, Bietigheim-Bissingen, Ludwigsburg, Böblingen, Sindelfingen und Tübingen gehörten – Orte also, in denen sich nach und nach eigene landsmannschaftliche Gliederungen bildeten.

Abschließend bedankte sie sich im Namen des aktuellen Vorstandes bei allen früheren Vorstandsmitgliedern für die geleistete Arbeit. Besonders erwähnte sie den verstorbenen Julian Merling, der von 1980 bis zu seinem Tod 2002 die Ortsgruppe Bietigheim-Bissingen leitete. Er verfügte über ein großes Organisationstalent und verstand es, die Landsleute zur Mitarbeit in der Gemeinschaft zu motivieren.

 

Ehrungen und Ausklang

 

Gemeinsam mit Leontine Wacker und Adolf Fetsch ehrte Ludmilla Holzwarth abschließend sieben Mitglieder der Kreis- und Ortsgruppe Stuttgart mit Ehrennadeln der Landsmannschaft für ihren vorbildlichen ehrenamtlichen Einsatz. Silberne Ehrennadeln wurden Lydia Klein, Stephan Klötzel, Emilie Schwan, Eugen Schwan und Andreas Maser zuerkannt, bronzene Erna Schwindt und Lilli Schweikert.

Mit Tanzmusik von Heinrich Ibach ging der Nachmittag, der Nostalgisches mit Gegenwärtigem verbunden hatte, in gemütlicher Runde zu Ende.

            VadW