Jahre des Terrors” Veranstaltungsreihe der Landsmannschaft in Stuttgart eröffnet

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Im fei­er­li­chen Rah­men wur­de am 24. Okto­ber im Haus der Deut­schen aus Russ­land in Stutt­gart die Aus­stel­lung der Lands­mann­schaft der Deut­schen aus Russ­land eröff­net, die Wer­ke von Micha­el Dis­ter­heft und Vik­tor Hurr zu zwei Jah­res­ta­gen der tra­gi­schen Geschich­te der Deut­schen in der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on zeigt: Zum 75. Mal jährt sich heu­er der “Gro­ße Ter­ror” der Jah­re 1937 und 1938, dem etwa 55.000 Deut­sche des Lan­des zum Opfer fie­len, und vor 70 Jah­ren fan­den die ers­ten Mobi­li­sie­run­gen von deut­schen Frau­en, Män­nern und Jugend­li­chen für die sta­li­nis­ti­schen Zwangs­ar­beits­la­ger statt. Die Aus­stel­lung wird in Koope­ra­ti­on mit dem Inter­na­tio­na­len Ver­band der Deut­schen Kul­tur (Mos­kau) durch­ge­führt und durch eine Rei­he von Ver­an­stal­tun­gen ergänzt.

 

Wie die Bun­des­ge­schäfts­füh­re­rin der Lands­mann­schaft der Deut­schen aus Russ­land, Dr. Lud­mi­la Kopp, in ihrer Begrü­ßungs­an­spra­che beton­te, ste­hen die Aus­stel­lung und die Begleit­ver­an­stal­tun­gen für das Bemü­hen der Lands­mann­schaft, die Kul­tur und Geschich­te der Deut­schen aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on ver­stärkt in den Blick­punkt der bun­des­deut­schen Öffent­lich­keit zu rücken und zugleich das Haus der Deut­schen aus Russ­land, in dem die Bun­des­ge­schäfts­stel­le des Ver­eins unter­ge­bracht ist, nach sei­ner gründ­li­chen Reno­vie­rung in die­sem Jahr in ein ech­tes Haus der Begeg­nung und Kul­tur­pfle­ge umzu­wan­deln.

Die Wer­ke von Micha­el Dis­ter­heft und Vik­tor Hurr sind in den Zim­mern und Trep­pen­auf­gän­gen des Hau­ses zu sehen und über meh­re­re Stock­wer­ke ver­teilt. Ergänzt wer­den sie durch Tafeln mit bio­gra­phi­schen Anga­ben zu den bei­den Künst­lern, durch Pla­ka­te zu den geschicht­li­chen Ereig­nis­sen der schick­sal­haf­ten Jah­re 1937 und 1938 bzw. 1941 bis 1946, durch Kar­ten ein­zel­ner Zwangs­ar­beits­la­ger, Fotos, Erin­ne­rungs­ge­gen­stän­de und vie­les mehr.

 

Inte­gra­ti­on in die

all­ge­mei­ne deut­sche

Geschichts­schrei­bung

 

Der Bun­des­vor­sit­zen­de der Lands­mann­schaft, Adolf Fet­sch, bedank­te sich in sei­ner Anspra­che bei Vik­tor Hurr ins­be­son­de­re für sei­ne freund­li­che Bereit­schaft, sei­ne Bil­der für Ver­fü­gung zu stel­len und sich tat­kräf­tig in die Gestal­tung der Aus­stel­lung ein­zu­brin­gen. In glei­cher Wei­se dank­te er den Ange­hö­ri­gen des 2005 ver­stor­be­nen Micha­el Dis­ter­heft für ihr Ent­ge­gen­kom­men und ihren erfreu­li­chen Bei­trag zum Zustan­de­kom­men der Aus­stel­lung.

Neben dem Bezirks­vor­ste­her in Stutt­gart Ost, Mar­tin Kör­ner, und dem Vor­sit­zen­den des Lan­des­ver­ban­des Baden-Würt­tem­berg des Bun­des der Ver­trie­be­nen; Arnold Tölg, konn­te er unter ande­rem die stell­ver­tre­ten­den Bun­des­vor­sit­zen­den der Lands­mann­schaft, Leon­ti­ne Wacker und Dr. Alfred Eis­feld, das Bun­des­vor­stands­mit­glied Ewald Oster, den Vor­sit­zen­den der Lan­des­grup­pe Rhein­land-Pfalz, Dr. Vik­tor Sie­ben, und die stellv. Vor­sit­zen­de der Lan­des­grup­pe Baden-Würt­tem­berg, Lud­mil­la Holz­war­th, begrü­ßen.

Im wei­te­ren Ver­lauf sei­ner Rede skiz­zier­te er die grund­sätz­li­che Aus­rich­tung der lands­mann­schaft­li­chen Arbeit in den nächs­ten Jah­ren mit den Wor­t­en:

Selbst­ver­ständ­li­ch ist der sozi­al­po­li­ti­sche Auf­trag der Lands­mann­schaft noch nicht in allen Berei­chen been­det. Offe­ne Bau­stel­len etwa bei der Här­te­fall­re­ge­lung beim Fami­li­en­nach­zug im Spät­aus­sied­ler­auf­nah­me­ver­fah­ren, bei der Aner­ken­nung von mit­ge­brach­ten schu­li­schen und beruf­li­chen Qua­li­fi­ka­tio­nen oder hin­sicht­li­ch restrik­ti­ver Rege­lun­gen im Fremd­ren­ten­be­reich, die all­zu vie­le unse­rer Lands­leu­te auch nach Lebens­ar­beits­zei­ten von 45 Jah­ren und mehr direkt in die Alters­ar­mut trei­ben, spre­chen eine deut­li­che Spra­che.

Den­no­ch haben sich die Schwer­punk­te lands­mann­schaft­li­cher Arbeit in den letz­ten Jah­ren ver­scho­ben und wer­den sich wei­ter ver­schie­ben. Inten­si­vie­rung der Jugend­ar­beit ist eines der Stich­wor­te, ver­stärk­te poli­ti­sche Prä­senz und Teil­ha­be ein ande­res.

Vor allem aber wer­den wir alles dar­an set­zen, dem Begriff der Inte­gra­ti­on eine neue Bedeu­tung zu geben – als For­de­rung an die deut­sche Gesell­schaft, die Geschich­te und Kul­tur der Deut­schen aus Russ­land end­li­ch in die all­ge­mei­ne deut­sche Geschichts­schrei­bung zu inte­grie­ren.”

 

Sie wur­den genom­men!”

 

Das inhalt­li­che Refe­rat zu den bei­den The­men der Aus­stel­lung hielt Dr. Alfred Eis­feld, His­to­ri­ker am Nord­ost-Insti­tut (Uni­ver­si­tät Ham­burg), der ein­gangs gemein­sam mit Vik­tor Hurr die Gäs­te der Ver­nis­sa­ge durch die Aus­stel­lung geführt hat­te.

Die Jahr 1937 und 1938 sei­en, so Dr. Eis­feld, sowohl in der Erin­ne­rung der Deut­schen in und aus der Sowjet­uni­on als auch in der kol­lek­ti­ven Erin­ne­rung der Bevöl­ke­rung der Sowjet­uni­on ins­ge­samt als Jah­re des Schre­ckens haf­ten geblie­ben. Sie hät­ten sehr vie­le Opfer gefor­dert, über deren Zahl über Jahr­zehn­te nur gemut­maßt wer­den konn­te. Von der Gene­ra­ti­on der Groß­müt­ter und Eltern habe man den kur­zen Satz gehört: „Sie wur­den genom­men.”

Die von den Ver­haf­tun­gen Betrof­fe­nen und ihre Ange­hö­ri­gen hät­ten ver­zwei­felt ver­sucht, Erklä­run­gen zu fin­den und ihre Unschuld zu bewei­sen. Doch dar­auf sei es den Macht­ha­bern nicht ange­kom­men. So habe der dama­li­ge Chef des NKWD, Jeschow, einem Unter­ge­be­nen emp­foh­len, nach der Maxi­me zu han­deln: “Es ist bes­ser, zehn Unschul­di­ge kom­men zu Scha­den, als dass ein Spion unter­taucht.“

Die Gesamt­zahl der russ­land­deut­schen Zwangs­ar­bei­ter bezif­fer­te Dr. Eis­feld mit etwa 350.000. Dem­nach habe sich jeder Drit­te aus die­ser Volks­grup­pe wäh­rend des Krie­ges in Arbeits­la­gern befun­den. Ins­be­son­de­re in den Jah­ren 1942 und 1943, als die Bau­stel­len auf die Auf­nah­me die­ser gro­ßen Anzahl von über­wie­gend bäu­er­li­chen Häft­lin­gen nicht vor­be­rei­tet waren, sei die Sterb­lich­keit außer­or­dent­li­ch hoch gewe­sen. Sie habe geno­zi­da­le Züge getra­gen.

Eine ver­läss­li­che Zahl der Opfer las­se sich bis­lang nicht ange­ben; die Sterb­lich­keits­ra­te habe Hoch­rech­nun­gen aus ein­zel­nen Lagern zufol­ge jedoch nicht weni­ger als 20 Pro­zent betra­gen.

Erschüt­ternd das Zitat des rus­si­schen His­to­ri­ker W. Berdins­ki­ch zur Behand­lung der Deut­schen in den Zwangs­ar­beits­la­gern, das Dr. Eis­feld an das Ende sei­nes Refe­ra­tes stell­te: „Sinn und Zweck der Über­stel­lung der Russ­land­deut­schen in die Zustän­dig­keit des NKWD ist es gewe­sen, dass die­se Mobi­li­sier­ten ihre Mus­kel­kraft zur Erfül­lung des ihnen zuge­wie­se­nen Pro­gramms rest­los zur Ver­fü­gung stel­len soll­ten, um ‘voll­stän­dig amor­ti­siert’ zu ster­ben.“

VadW

 

Die Aus­stel­lung und die gesam­te Ver­an­stal­tungs­rei­he wer­den geför­dert durch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern.

Micha­el Dis­ter­heft

• Gebo­ren am 26. April 1921 im Sawe­lo­wo, Gebiet Twer, Russ­land.

• 1937: Ver­schlep­pung und Ermor­dung des Vaters Wil­helm Dis­ter­heft im Zuge der sta­li­nis­ti­schen „Säu­be­run­gen“

• 1939–1940: Unter­richt im Lenin­gra­der „Haus für Kunst­er­zie­hung der Kin­der“

• 1941: Ein­be­ru­fung in die Rote Armee, Ein­satz in Gor­kij, Ver­set­zung in den Ural und Mobi­li­sie­rung in die Tru­dar­mee (Bogoslow­lag bei Kar­p­insk, Russ­land)

• 1951–1953: Aus­bil­dung zum Kunst-Päd­ago­gen an der Kunst-Päd­ago­gi­schen Abtei­lung der Kunst­ge­wer­be­schu­le in Nish­nij Tagil, Russ­land

• 1952–1962: unter­rich­tet im Kul­tur­haus des Maschi­nen­bau­kom­bi­nats in Nish­nij Tagil

• ab 1961: Tätig­keit in den Kunst­werk­stät­ten von Nish­nij Tagil

• 80er Jah­re: Hin­wen­dung zum The­ma „Depor­ta­ti­on der Russ­land­deut­schen“

• 2000: Auf­nah­me in das Welt-Künst­ler-Lexi­kon (Deutsch­land)

• 2004: Aus­sied­lung nach Deutsch­land

• Gestor­ben am 24. August 2005 in Ora­ni­en­burg, Bran­den­burg.

VIK­tor Hurr

• Gebo­ren 1949 in Nowo­mos­kow­sk bei Mos­kau.

• 1954: Umsied­lung der Fami­lie in das Gebiet Paw­lo­dar, Kasach­stan, kur­ze Zeit spä­ter Umzug nach Kara­gan­da, Kasach­stan

• 1956–1966: Besu­ch der All­ge­mein­bil­den­den Schu­le in Kara­gan­da

• 1966: Umzug nach Angren bei Tasch­kent, Usbe­kis­tan

• 1967–1969: Fern­stu­di­um für Gra­fik und Aqua­rell­ma­le­rei an der Volks­hoch­schu­le der Küns­te in Mos­kau

• 1970–1974: Fort­füh­rung des Stu­di­ums an der Staat­li­chen Kunst­schu­le Tasch­kent

• seit 1972: frei­schaf­fen­der Künst­ler

• 1994: Aus­sied­lung nach Deutsch­land (Osna­brück)

• 1977–2006: Ein­zel- und Gemein­schafts­aus­stel­lun­gen, unter ande­rem in Tasch­kent, St. Peters­burg, Mos­kau, Kiew, Olden­burg und Pforz­heim

• 1977–2006: Kunst­do­zent bei BISOS e.V. und Neu­bür­ger e.V. Osna­brück