Kulturpreis Dr. Elena Seifert

Standard

Russlanddeutscher Kulturpreises des Landes Baden-Württemberg

Dr. Elena Seifert: „Die Literatur der Russlanddeutschen sollte zu einer Fiktion verkümmern, hat sich aber in ein Phänomen verwandelt“


„Die Russlanddeutschen als Ethnie sind eine paradoxe Erscheinung, es ist eine junge Volksgruppe, die genetisch zu einer reifen deutschen Ethnie aufsteigt“, behauptet Dr. Elena Seifert – Literaturwissenschaftlerin, Dichterin, Prosaikerin, Publizistin und Kinderbuchschriftstellerin aus Moskau. Die begnadete Autorin und Dozentin für Theorie und Geschichte der Literatur ist mehrfache Preisträgerin von Literaturwettbewerben, Herausgeberin von  Literatursammelbänden und Almanachen. Sie ist Autorin von mehr als 150 wissenschaftlichen Abhandlungen und Studien, darunter Monographien und Unterrichtsmaterialien für Schulen und Universitäten. Sie schreibt für mehrere Periodika in Russland und im Ausland, in den letzten zehn Jahren vermehrt zu Themen der russlanddeutschen Literatur. Seifert ist Mitglied der Internationalen Assoziation zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen, der Wissenschaftlichen Vereinigung der Deutschen Kasachstans sowie Vorsitzende und Jurymitglied verschiedener Literaturwettbewerbe. 2007 wurde sie von Dr. Christoph Bergner, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, für ihren „herausragenden Beitrag zur Erhaltung und Entwicklung der deutschen Ethnie in Kasachstan“ ausgezeichnet.

Ihre Doktorarbeit zu den Entwicklungsprozessen in der russlanddeutschen Literatur der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart (Habilitation 2008 an der Moskauer Lomonossow-Universität), bildete die Grundlage zur 525-seitigen Monographie „Genre und ethnisches Bild in der Poesie der Russlanddeutschen der zweiten Hälfte des 20. – Anfang des 21. Jahrhunderts“, 2009 im BMV Verlag Robert Burau in russischer Sprache erschienen. „Die Russlanddeutschen sind eine Erscheinung, die vom wissenschaftlichen Gedanken noch nicht wirklich erschlossen worden ist. Die Schwierigkeit der Erfassung ihres Kontingents ist bedingt durch eine mehrdeutige Identifizierung der Russlanddeutschen“, so der berechtigte Ausgangspunkt ihrer Studie.

Sie selbst fühlt sich sowohl in der russischen als auch in der deutschen Kultur zu Hause. Geboren 1973 in Karaganda/Kasachstan, interessierte sie sich schon ganz früh für Bücher interessiert; ihr Großvater mütterlicherseits und der Vater, ein leidenschaftlicher Leser und Poesieliebhaber, hatten eine beachtliche Hausbibliothek zusammengetragen. In dieser kreativen geistreichen Atmosphäre ist Elena in der Familie einer Ärztin und eines Ingenieurs aufgewachsen – als Freigeist, der sich nicht einengen lässt.

Mit drei lernte sie lesen, mit sieben bastelte sie ihr erstes handgeschriebenes Büchlein, illustriert ebenfalls in Eigenregie. Als Schülerin begann sie Geschichten zu schreiben, die Hefte mit ihren literarischen Impressionen gingen von Hand zu Hand unter den Schülern. Ernsthaft wurde es erst nach der Schule und während des Studiums der Philologie; Elena selbst meint, ihr erstes Gedicht „Das Apfelsinen-Mädchen“ habe sie mit 20 verfasst.

Nach der Schulausbildung studierte Elena Seifert an der Buketov-Universität Karaganda im Fachgebiet „Philologie, russische Sprache und Literatur“, unterrichtete seit 1995 an derselben Universität am Lehrstuhl für russische und ausländische Literatur und machte gleichzeitig die Aspirantur im Fach Literaturtheorie. 1999 verteidigte sie ihre Dissertation über russische Poesie im 19. Jh. an der Abai-Universität Alma-Ata. In den Jahren 1999-2002 war sie Oberlehrerin an der Buketov-Universität.

Die Autorin ist im ständigen kreativen und künstlerischen Forschungsprozess. Zwar sind ihre Vorbilder, bei denen sie in die geistige Schule ging, die Klassiker der russischen Literatur aus ganz verschiedener Zeitabschnitten und unterschiedlichen literarischen Richtungen. Jedoch legt sich Elena Seifert nicht gern fest, sie möchte sich die Freiheit bewahren, eine Grenzgängerin in der Literatur zu sein. So kam sie auch zu ihrer jüngsten Herausforderung, die angesichts der deutschen Wurzeln „wohl schon länger in ihr schlummerte“, sagt sie.

Immer wieder ließ sie die Faszination der Literatur der Russlanddeutsche mit ihrer wechselvollen, bewegten und bewegenden Geschichte auf sich einwirken, bis diese sie nicht mehr losließ. Bereits im Vorfeld ihrer Doktorarbeit tastete sich die Literaturwissenschaftlerin an das komplexe Thema heran, versuchte verschiedene Aspekte der russlanddeutschen Literatur immer wieder in Worte zu fassen – in Form von Buchkritiken, Autorenporträts oder Aufzeichnungen zu verschiedenen theoretischen Fragen. Mehrere Jahre sammelte sie Material zum Thema „Russlanddeutsche Schriftsteller: Ethnisches Weltbild und Gattungsprozesse“ – mit umfangreicher Fachkenntnis, viel Akribie und Begeisterungskraft. Dieses inzwischen riesige Gebilde – die bizarre Welt der tragischen russlanddeutschen Literatur  –  betrachtet Elena nicht als Außenstehende, sondern mit Herz und Leidenschaft, fasziniert von der Energie, die diese mehrmals auf die Probe gestellte Literatur ausstrahlt.

„Die Literatur insgesamt kann das ethnische Weltbild widerspiegeln, und die Gattung ein bestimmtes Fragment des Daseinsgeschichte einer Ethnie darstellen“, beweist sie anhand zahlreicher Beispiele in ihrer Monografie. Zahlreiche Autoren wurden im Rahmen der Forschungsstudie befragt und von Dutzenden erhielt sie wertvolle Informationen. 711 Einzel- und Sammelbände von etwa 406 russlanddeutschen Verfassern in beiden Sprachen hatte die Wissenschaftlerin unter die Lupe genommen, dafür standen ihr weitere 575 Quellen zur Verfügung. Die wichtigsten Thesen der Dissertation wurden von Elena Seifert bereits bei vielen wissenschaftlichen Konferenzen vorgestellt. In ihrem Buch behandelt sie erstmals auf einem anspruchsvollen wissenschaftlichen Niveau die Literatur der Russlanddeutschen in einer ihrer schwierigsten und komplexesten Periode – Deportation, Trudarmija, Sondersiedlung, vergebliche Versuche der Wiederherstellung einer Autonomie und letztendlich Ausgang in die Heimat der Vorfahren. In solchen schicksalhaften Zeitabschnitten zeigt eine Ethnie besonders deutlich und intensiv ihre nationale Prägung, „die Literatur kann das ethnische Weltbild insgesamt und die jeweilige Gattung ein bestimmtes Fragment der Ethnie widerspiegeln“, schlussfolgert die Autorin. „Die fatale Lage, in die unsere Literatur aufgrund der Kriegsfolgenentwicklungen geraten war, sollte sie zu einer Fiktion verkümmern lassen, hat sie aber in ein Phänomen verwandelt. Das sowjetische Dogma hat die Literatur der Sowjetdeutschen zwar nicht vernichtet, aber doch entschieden verstümmelt“, so Dr. Elena Seifert. Sie ist in das komplexe Thema so tief eingedrungen, wie es vor ihr noch keiner getan hatte. Bisher wurden die Gattungen auch noch nie im Kontext des ethnischen Weltbildes und der nationalen Schlüsselbegriffe analysiert. Damit schließt Elena Seifert nicht nur eine Lücke, indem sie die Literatur der Russlanddeutschen als eine souveräne Erscheinung mit einem künstlerischem Potential betrachtet.

Interview

Elena Seifert: „Sowohl den deutschen als auch den russischen Büchermarkt kann man nur mit Literatur in der Sprache des Landes oder mit gut übersetzten Werken erobern“

VadW: Was bedeutet für Sie der Russlanddeutsche Kulturpreis?

Dr. Elena Seifert: Der Russlanddeutsche Kulturpreis ist für mich persönlich ein Beweis dafür, dass eine langjährige selbstlose Arbeit irgendwann auch Früchte trägt und geschätzt wird. Für die Verfassung meiner Habilitationsarbeit hatte ich weder eine Förderung von Seiten der russlanddeutschen gesellschaftlichen Organisationen in Anspruch genommen, noch hatte ich gebeten, meine Dienstreisen oder Publikationen zu bezahlen. Die einzige Ausnahme war – die Beteiligung an Konferenzen der Internationalen Assoziation der Forscher zur Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen (Vorsitzender A. German) und der Wissenschaftlichen Vereinigung der Deutschen Kasachstans (Vorsitzender E. Boos). Ich wurde mehrfach eingeladen, in Moskau oder nach Kasachstan mit Vorträgen aufzutreten. Meine Monographie hat der russlanddeutsche Verleger Robert Burau herausgegeben. Dass mir der Russlanddeutsche Kulturpreis zugesprochen worden ist, verdanke ich in großem Maße ihm und vielen anderen Unterstützern in Deutschland.

Mit viel Fingerspitzengefühl verfolgen Sie seit mehreren Jahren in Ihren publizistischen Beiträgen die Entwicklung der russlanddeutschen Literatur und einzelner Autoren. Für ihre Monographie und das spätere Buch sind Sie besonders tief in die Materie eingetaucht und haben viele Aspekte der Literaturentwicklung neu entdeckt und definiert. Welche Einflüsse hatte das auf Ihre eigene Identität?

Seit über zehn Jahren, aber auch schon früher, gehört die russlanddeutsche Literatur zu meinem Kosmos. Ich habe sie nach und nach in mich eingesaugt. Als Russlanddeutsche mache ich das mit besonderem Vergnügen. Die traditionsreiche bilinguale russland-deutsche Kultur versetzt einen in ein besonderes Spannungsfeld, das die russische und deutsche Kulturen vereint und als Stromleiter für die russische Kultur in den Westen und die europäischen Kultur nach Russland dient.

Schon in der Nachkriegszeit hatte die Deutsch geschriebene Literatur in der Sowjetunion die auf Russisch verfassten Werke eher ausgegrenzt. Es gab heiße Diskussionen dazu, was als „sowjetdeutsche“/ russlanddeutsche Literatur gilt, die in den 1990er Jahren auch in Deutschland weiter geführt wurden. Bei den vielfältigen Analysen in Ihrem Werk berücksichtigen Sie in großem Maße auch die Werke der  russischschreibenden Autoren mit deutschen Wurzeln. Wieso haben Sie sich für dieses sprachliche Gleichgewicht entschieden?

Die meisten Russlanddeutschen sind bilingual, viele bedienen sich beider Sprachen – der deutschen und der russischen. Ganz so, wie es bei Nelly Wacker heißt: „Zwei Muttersprachen hat das Leben, als seltnes Reichtum mir gegeben…“ Das ist eine unikale sprachliche Erscheinung, die erhalten werden sollte. Unter den russlanddeutschen Autoren gibt es auch absolute Bilinguen, die gleich gut in beiden Sprachen schreiben. Der Internationale Verband der Deutschen Kultur plant, eine Anthologie der Literatur der Russlanddeutschen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – Anfang des 21. Jahrhunderts herauszugeben. „Ein Mund, der zwei Sprachen spricht…“ könnte der Arbeitstitel sein.

Die Literatur der Deutschen aus Russland bleibt einer breiten Leserschaft, sowohl in Russland als auch in Deutschland nach wie vor weitgehend unbekannt. Was sollte aus Ihrer Sicht geschehen, damit ein Durchbruch kommt?

Es ist wichtig, dass die Literatur der Russlanddeutschen bzw. der Deutschen aus Russland einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wird und auf eine breite Leserschaft anziehend wirkt. Die Realität sieht meist so aus, dass die Deutschen in Russland verstärkt ihre „deutsche Komponente“ herausstellen, während in Deutschland bei vielen Deutschen aus Russland die „russische Seele“ nostalgisch durchbricht. In diesem Wandlungs- und Identitätsfindungsprozess verlieren die russlanddeutschen Autoren auf beiden Seiten „ihren“ Leser. Wichtig wären Aktionen zur Popularisierung der kennzeichnenden russlanddeutschen Autoren. Als solche könnte die Herausgabe einer neuen Anthologie der russlanddeutschen Literatur, wo das Werk solcher Autoren wie Viktor Schnittke, Waldemar und Robert Weber, Oleg Kling, Alexander Beck, Herold Berger, Igor Hergenröther, Viktor Heinz, Wendelin Mangold, Alexander Schmidt, Lore Reimer, Alexander Reiser und anderer talentierten russlanddeutschen Autoren vorgestellt und ihr Stellenwert in der Literatur des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich fundiert begründet wird.

Auch viele andere Maßnahmen würden sich als förderlich erweisen, z.B.: Werke von kennzeichnenden russlanddeutschen Autoren in größeren Auflagen herausgeben; eine Managementstrategie erarbeiten; Almanache und Literaturzeitschriften der russlanddeutschen Literatur herausgeben; Abhandlungen zur russlanddeutschen Literaturproblematik in bekannten wissenschaftlichen Zeitschriften in Deutschland wie in Russland veröffentlichen; Lehrbücher und Lehrbehelfe zur russlanddeutschen Literatur erarbeiten und sich dafür einsetzen, damit sie in die Schulprogramme integriert werden; junge Autoren fördern, denn sie sind die Zukunft jeder Literatur. Die Idee dieser Vorhaben wäre – unsere Literatur an den Leser heranführen, und den Leser an unsere Literatur heranführen.

Und Hauptsache, den russlanddeutschen Autoren sollte langsam bewusst werden, dass sowohl den deutschen als auch den russischen Büchermarkt kann man nur mit guter Literatur in der Sprache des Landes oder mit gut übersetzten Werken erobern. Ein Autor, der in Deutschland lebt und in russischer Sprache schreibt, kann nur mit einer gewissen Bekanntheit in einem engen Leserkreis rechnen.

Was ist für Sie als Literaturwissenschaftlerin die wichtigste Botschaft Ihres komplexen hochwissenschaftlichen Werkes?

Der Monographie basiert auf einer eingehenden und tiefgreifenden Analyse verschiedener Literaturprozesse innerhalb der russlanddeutschen Literatur im Laufe eines halben Jahrhunderts und von Werken zahlreicher Autoren. Allein schon diese Tatsache ist ein Beweis dafür, dass die russlanddeutsche Literatur nach wie vor am Leben ist und sich weiter entwickelt – in ständiger Suche nach neuen Ausdrucksformen.

 Die Fragen an Dr. Elena Seifert stellte Nina Paulsen.

Elena Seifert: „Genre und das ethnische Weltbild in der Poesie der Russlanddeutschen der zweiten Hälfte des 20. – Anfang des 21. Jahrhunderts“; 525 Seiten; Preis 34,90 Euro; ISBN 978-3-935000-68-0.

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Rede bei der Preisverleihung

Interview mit Dr. Elena Seifert (von Nina Paulsen)