Mit Ulla Lachauer auf verschlungenen Wegen russlanddeutscher Familiengeschichten

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Ulla Lachauer                        Foto: Stephanie Schweigert, Rowohlt Verlag

Ulla Lachauer (geb. 1951 in Ahlen/Westfalen) ist Dokumentarfilmerin, freie Journalistin und Buchautorin. Nach ihrem Buch „Ritas Leute – Eine deutsch-russische Familiengeschichte“, das seit 2002 in vierter Auflage erschienen ist, folgt sie nun in ihrem Film „Die Heinrichs aus Kasachstan“, der am 13. April 2012 im WDR (23.15-24.00) ausgestrahlt wird, den verschlungenen Spuren einer anderen russlanddeutschen Familiengeschichte. Wie in „Ritas Leute”, das den Leser auf die Reise in das Unbekannte, in „dunkle Zeiten hinter dem eisernen Vorhang” mitnimmt, lernt man auch in „Die Heinrichs aus Kasachstan“ Fakten und Materialien kennen, von denen hierzulande zu wenig bis gar nichts bekannt ist. Im Buch wie im Film gelingt der Autorin am Beispiel der vielfach verschlungenen Wege zweier russlanddeutscher Familien ein facettenreicher Einblick in die Geschichte der Russlanddeutschen.

Nina Paulsen (VadW) stellte Ulla Lachauer einige Fragen.

 

Liebe Frau Lachauer, dass einheimische Autoren Themen der russlanddeutschen Geschichte aufgreifen, ist immer noch eine Ausnahme. Sie wenden sich zum zweiten Mal dieser Thematik zu – zum ersten Mal in dem Buch „Ritas Leute – Eine deutsch-russische Familiengeschichte“ und nun im WDR-Fernsehfilm „Die Heinrichs aus Kasachstan“. Wie hat dieses Interesse angefangen?

Vieles im Leben ist Zufall, ich liebe Zufälle. Oder sollte ich besser sagen: glückliche Fügungen? 1995 habe ich im Rahmen einer Hilfsaktion für eine junge Frau aus Russland die damals 25-jährige Rita Pauls kennen gelernt. Wir haben uns angefreundet, und im Laufe der Zeit bin ich neugierig geworden auf ihre Familiengeschichte. Schließlich habe ich Rita gefragt, ob sie Lust hätte, gemeinsam mit mir die Odyssee der Pauls zu erforschen – wir haben uns beide kopfüber in dieses Abenteuer gestürzt, nicht ahnend, wie langwierig und schwierig es sein würde.

 

Mit „Ritas Leute“ stellten Sie dem westlichen Leser eine Familiengeschichte vor, deren Wurzeln in Westpreußen, an der Wolga, im kasachischen Karaganda, in den Steppen Westsibiriens und sogar in Kanada liegen. Was hat Sie an der verschlungenen Geschichte der Musikerin und Übersetzerin Rita Pauls, die 1989 mit ihren Eltern von Karaganda in die Bundesrepublik auswanderte, gereizt, begeistert, erstaunt oder gar stutzig gemacht? 

Neben ganz spontaner Neugier, die mich trieb, war es auch der Gedanke: Wir haben jetzt etwa drei Millionen Zuwanderer aus der Sowjetunion, und unsere Gesellschaft weiß fast gar nichts über sie, weder die Regierung noch die Medien noch die Bürger. Wie tüchtig waren sie als Siedler im Zarenreich, was haben sie im 20. Jahrhundert durchlebt und erlitten? Sie sind unsere Landsleute, und zugleich sind wir einander sehr fremd, das wollte ich ergründen. Es gab auch ein privates Motiv: Mein Schwiegervater ist vier Jahre als Kriegsgefangener in Karaganda gewesen, er hat dort in einem Steinbruch gearbeitet. Auch diese Spur, die meiner eigenen Familie, wollte ich verfolgen.

 

Themen der russischen/sowjetischen Vergangenheit standen bei Ihren Recherchen nicht nur einmal im Mittelpunkt, so beispielsweise in den Filmen „Kant, Königsberg, Kaliningrad“ (1991), „Preußens Osten, Russlands Westen“ (1991), „Odessa“ (1993), „Kobelowo. Ein Dorf in der Taiga“ (1994) oder „Karaganda. Die Stadt der Verbannten“ (2001). Sind Sie bei Ihren Recherchen auch auf Russlanddeutsche in diesen Regionen ge­stoßen? Wie haben Sie diese eingeschätzt?

Vor allem im Kaliningrader Gebiet bin ich immer wieder auf Russlanddeutsche gestoßen. In den 1990er Jahren sind viele aus Mittelasien dorthin gekommen, um eine Zukunft zu finden, jedoch sind die meisten dann weitergewandert nach Deutschland. Heute leben dort, soweit ich weiß, vor allem russische Familien, die Verwandte in Deutschland haben. Von Kaliningrad, dem westlichsten Teil der GUS, ist die Entfernung nach Deutschland viel kleiner als von Karaganda oder Dshambul. Man rechnet damit, dass die Grenzen bald durchlässiger werden, dann ist es nur noch ein Katzensprung bis Berlin oder Hamburg.

 

Beide Familiengeschichten – der Familie Pauls und der Familie Heinrichs – haben einen mennonitischen Hintergrund mit Plattdeutsch als Sprache des Herzens. Ist das ein Zufall?

Es war beide Male ein Zufall, dass ich im mennonitischen Milieu gelandet bin. Für mich als gelernte Katholikin war es anfangs sehr fremd – das Glaubensverständnis, die Kargheit der Rituale, die schleppenden, meist traurigen Lieder. Später habe ich gemerkt, dass dies ein Vorteil war: Die Mennoniten haben in der Sowjetzeit besonders stark zusammengehalten, mehr als viele andere Russlanddeutsche von ihrer Geschichte bewahrt. Ich konnte profitieren von der guten Vernetzung der Mennoniten, ihren reichen Archiven; das „Mennonite Heritage Center“ in Winnipeg, wo auch ein Teil der weit verzweigten Pauls-Familie lebt, war eine Fundgrube.

 

Ihren Werken wird immer wieder die „Kombination von wissenschaftlicher Relevanz und hoch lebendigem Erzählstil“ bescheinigt, wobei der Leser auf eine Reise voller intellektueller Spannung und kulturpolitischer Überraschungen mitgenommen wird. Auch in Ihrem Film nehmen Sie die Zuschauer mit auf die Reise. Wohin geht sie?

Die Odyssee der Familie Heinrichs geht von Westpreußen an den Dnjepr, von dort während des Krieges nach Deutschland, 1945 in die Gegend von Kostroma bzw. Tomsk, schließlich nach Südkasachstan, in das Städtchen Dshambul, auf dem Umweg über Litauen sind sie 1978 nach Deutschland ausgereist. Wir konnten nicht alle Stationen besuchen, wir haben  nur an drei markanten Orten gefilmt, in den ehemaligen mennonitischen Kolonien am Dnjepr, in Vilnius und in Dshambul, wo ich noch nie war. Dieser Süden Kasachstans, im heißen Juli  die Landschaft, die Bazare –, hat mich sehr fasziniert.

 

„Das Buch ist in jahrelanger Feinarbeit entstanden. Biografien dieser Qualität und mit solch enormer Datenintensität fand ich bisher nur in wissenschaftlichen Bibliotheken als Dissertation. Die Öffentlichkeit bzw. unser Buchmarkt kennt so etwas kaum“, ist in einer Rezension zu Ihrem Buch „Ritas Leute“ zu lesen. Auch bei den Recherchen für den Film ist innerhalb der eigentlichen Geschichte sicher eine Vielzahl von kleineren Geschichten entstanden. Ist es Ihnen gelungen, die meisten im Film unterzubringen?

In einem Film von 45 Minuten, der sich mit drei Generationen beschäftigt, bleiben natürlich viele Geschichten auf der Strecke. Hans und Lina Heinrichs erzählen zum Beispiel viel über die enorm kalten Winter und die wilden Tiere, die sie als Kinder in der Verbannung erlebt haben; wir haben daraus nur eine Anekdote über die Wölfe in den Film aufgenommen. Der Hunger spielt in der Familiengeschichte eine große Rolle, allein darüber hätten wir einen ganzen Film machen können. Viel zu kurz kommt das Schicksal der Jüngsten, von Hans, Peter und Robert Heinrichs, die bei der Einreise nach Deutschland Kinder waren, aber trotzdem viel zu kämpfen hatten. Diese harte Phase der Existenzgründung in Detmold konnten wir nur andeuten.

 

Sowohl das Buch als auch der Film vermitteln dem deutschen Leser bzw. Zuschauer ein gewisses Verständnis von Deutschen aus Russland hierzulande. Wie würden Sie es als Autorin beschreiben? Welches Bild der Deutschen aus Russland möchten Sie der deutschen Öffentlichkeit am Beispiel einzelner Familiengeschichten vermitteln?

Etwas weiterzugeben, was ich selbst gelernt habe. Zum Beispiel, dass es DIE Russlanddeutschen nicht gibt, sondern eine ungewöhnliche Vielzahl von Herkünften, Verhaltensweisen in der Sowjet­zeit, Ausreisemotiven etc. Warum sie zu uns gehören, obwohl sie fast 200 Jahre in russischen Kontexten gelebt haben und viele die Sprache und Kultur ihrer deutschen Vorfahren verloren haben. Es geht darum, sich ganz konkret vorzustellen, was den Deutschen dort in der Stalin-Zeit widerfahren ist. Unser hiesiger Geschichtsdiskurs kreist ja um Hitler, da fehlt es einfach an Grundkenntnissen, an Verständnis für das Leben unter dieser östlichen Diktatur, den Alltag z.B. in einem Kolchos. Und natürlich sind solche Defizite nicht von heute auf morgen zu bewältigen, das ist eine Riesenherausforderung, das dauert, man braucht viel Geduld – meine Bücher und Filme sind auch ein Plädoyer für die Geduld.

 

Ein nicht gerade geringer Teil der Russlanddeutschen findet sich in Deutschland, dem Land der Vorfahren, in einer gespaltenen Selbstidentifikation wieder, etwa nach dem Motto „Mit Russland im Herzen und Deutschland im Sinn“. Können Sie diese Mentalität nachvollziehen? Wie sehen Sie dieses Phänomen langfristig?

Natürlich ist, wer lange in Russland und Mittelasien gelebt hat, davon geprägt, vom Klima, der Sprache, Freundschaften, das kann man sich nicht einfach aus dem Herzen reißen. Und warum auch? Inzwischen haben wir in Deutschland so viele Migranten, Menschen, die in zwei oder mehr Kulturen leben, sind sehr zahlreich heute. Bei den Russlanddeutschen gibt es sehr verschiedene Strategien, damit umzugehen. Die Heinrichs in Detmold etwa haben sehr rigoros alles Russische abgelegt, sie wollen damit nichts mehr zu tun haben. Während für meine Freundin Rita Pauls, die mit 19 Jahren aus Karaganda ausreiste, beide Kulturen wichtig sind und bleiben, sie sieht darin, glaube ich, keinen Konflikt, sondern einen Reichtum.

 

Auch in Ihrem Film zeigen Sie, dass die Integration der Zugewanderten (nicht anders erging es den deutschen Kolonisten im Russischen Reich im 18. und 19. Jahrhundert) Zeit und vielleicht Generationen braucht. Wie haben sich da aus Ihrer Sicht die Politik und die Aufnahmegesellschaft zu verhalten?

Möglichst offen und tolerant und zugleich unsentimental in dem Sinne, dass sie die Landsleute aus Russland als Bürger mit allen Rechten und Pflichten behandeln. Ohne deutsche Sprache geht nichts, Bildung ist wichtig, wenn man vorankommen will, wer gegen Gesetze verstößt, wird bestraft. Ich erinnere mich, dass in den 1990er Jahren in der Polizeistatistik das Delikt „Fischwilderei“ enorm zunahm – das waren russlanddeutsche Jungen und Männer, die nicht wussten oder einsehen wollten, dass man hierzulande einen Angelschein braucht, anders als in der Taiga oder den weiten Steppen, die sie gewohnt waren. Eine kleine Geschichte, die für die vielen Verständigungsprobleme steht. Nicht zuletzt, finde ich, sollten wir die neuen Bürger herausfordern, sich zu beteiligen, an Wahlen, im Elternbeirat, bei Ehrenämtern. Deutschland ist ein gutes Land, ich wünsche mir eine Bürgergesellschaft, in der die Russlanddeutschen sich einbringen mit all ihren Erfahrungen, ihrer Geschichte.

 

Sowohl bei den Recherchen für „Ritas Leute“ als auch für „Die Heinrichs aus Kasachstan“ haben Sie die Erfahrung gemacht, dass die Russlanddeutschen das Vergangene nicht so einfach aufleben lassen, nicht gern erzählen. Ist diese Verhaltensweise generationenbedingt? Wie sind Sie dabei als „Fremde“ vorgegangen?

Viele Ältere haben ein Trauma aus der Sow­jetzeit, darüber zu sprechen ist schwer. Vor allem in der Phase der Existenzgründung gibt es so viel Praktisches zu tun, so viel zu lernen, da tritt die Vergangenheit zurück. Aber irgendwann bricht sie auf, da brauchen die Betreffenden jemanden, der da ist, manchmal auch Therapie. Eine Fremde wie ich kann dabei hilfreich sein. Das Wichtigste, finde ich, ist das Zuhören, das lange und geruhsame Zuhören. In meinen Gesprächen bin ich immer wieder auf bestimmte Tabus gestoßen, eines betrifft die Sowjetzeit. Es fällt vielen Russlanddeutschen schwer zuzugeben, wie sehr sie auch Sowjetmenschen gewesen sind, geprägt vom Komsomol, von Propaganda, Mangelwirtschaft – dafür schämen sie sich, dafür glauben sie, kein Verständnis erwarten zu dürfen. Aber auch das gehört eben zu einem wahrhaftigen Bild von sich selbst und dem Reden dazu. Und es gibt ja nicht nur Opfer, unter den Russlanddeutschen sind auch Übeltäter. Ich kenne viele Geschichten aus dem Kolchos, dass Vorgesetzte sich die Not von Frauen zunutze gemacht haben, die kein Brot für ihre Kinder hatten – da gibt es alles, von der sexuellen Nötigung bis zur Vergewaltigung. Unsere hiesige Justiz kann das im Nachhinein kaum verfolgen, aber es bleibt als Belastung in den Leben der Familien, der Opfer wie der Täter.

 

Im Buch wie im Film lernt der Leser/Zuschauer viele lebensfrohe Menschen kennen. So wird im Buch viel gesungen, wobei sich plattdeutsche Lieder mit Folk­lore auf Hochdeutsch und russischen Weisen abwechseln. Worin besteht die Lebenslust der Heinrichs? Was sind die Stärken dieser Familie, die Sie im Film besonders herausstellen und die der Mehrgenerationenfamilie helfen zu überleben und stark zu bleiben?

Lebenslust ist etwas Ursprüngliches, Natürliches, aber in diesen Familien hat sie viel mit der Erfahrung des Überlebens zu tun. Lebenslust ist eng verbunden mit Verlusten, der dunklen Rückseite, die man selten zeigt, Fremden schon gar nicht. Und mit dem zähen Willen, sich wieder hochzurappeln, selbst etwas auf die Beine zu stellen, eine Familie zu gründen, diese zusammenzuhalten. Die Heinrichs haben mit drei Generationen ein erfolgreiches, im weiten Umkreis beliebtes Autohaus aufgebaut. Das ist eine gewaltige Leistung, und obwohl es nicht immer einfach ist, miteinander zu leben, halten sie zusammen wie Pech und Schwefel.

 

Die älteren Generationen der russlanddeutschen Familien hielten noch am Glauben ihrer Väter fest – im Film ist es das Mennonitentum. Wie ist die Bindung der jüngeren Generationen zum Glauben ihrer Eltern und Großeltern? Wie haben Sie das bei den Heinrichs erlebt?

Bei den Heinrichs spielt der Glaube eine wichtige Rolle, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Sie gehören verschiedenen mennonitischen oder baptistischen Gemeinden an, die Kinder werden im Glauben erzogen, aber eher liberal, es darf auch gezweifelt werden.

 

In „Ritas Leute“ sagt die Großmutter Maria Pauls: „Ich habe drei Heimaten: Lysanderhöh, Karaganda und jetzt hier in Kehl. Ganz die Heimat ist nur Lysanderhöh.“ Wie sieht es bei den Heinrichs angesichts der vielen Heimaten, denen sie zwangsläufig oder freiwillig entsagt haben, mit dem Ankommen im „gelobten Land“ aus? Was können andere Zuwanderer oder auch Einheimische bei den verschiedenen Generationen dieser Familie lernen? 

Die Heinrichs würden eine andere Antwort geben als Maria Pauls. Sie haben heute nur eine Heimat, und die ist hier, in Detmold. Sie wollten auch partout nicht mit unserem Filmteam in die Länder der ehemaligen Sowjetunion reisen, das sei vorbei, ganz und gar erledigt. Doch ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die jetzt Heranwachsenden eines Tages Lust verspüren, nach Dshambul, Kostroma oder an den Dnjepr zu reisen. Jeder geht eben eigene Wege, und ich habe gelernt, dass es viele mögliche Weisen gibt, zu trauern, sich neu zu orientieren, Lehren zu ziehen. Ich könnte mir vorstellen, dass nach der Ausstrahlung des Films einige Kunden des Autohauses den Heinrichs Fragen stellen und daraus etwas entsteht. Mir fällt eine Geschichte von Hans Heinrichs, dem Seniorchef, ein. Wenn Kunden ihn ansprechen, warum er denn so gut gelaunt sei, sagt er manchmal: „Ach, ich bin einfach glücklich. Mein Vater hat mich nie geschlagen.“ Mit dieser Antwort geben sich die Leute zufrieden, sie verstehen die versteckte Andeutung nicht: Dass Hans Heinrichs vaterlos aufgewachsen ist, er hat seinen Vater nie gesehen, das ist eine Wunde in seinem Leben. Vielleicht werden einige Detmolder in Zukunft etwas hellhöriger sein. Wer weiß?

 

Mit Ihrem Buch haben Sie zahlreiche Lesungen absolviert und waren bei Podiumsgesprächen im Rahmen verschiedener integrativer Veranstaltungen, nicht selten mit „Singlesungen” gemeinsam mit der Hauptheldin Rita Pauls. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht? Waren auch Deutsche aus Russland bei den Lesungen? Wenn nicht, woran hat das aus Ihrer Sicht gelegen? Wenn ja, wie haben Sie die Resonanz empfunden?

Ich habe dieses Buch in erster Linie für meine Leute, die Einheimischen, geschrieben. Dass Russlanddeutsche es lieben und mögen, habe ich nicht unbedingt erwartet, das ist für mich ein Geschenk. Auf den Lesungen waren und sind fast immer Russlanddeutsche, auch junge Leute. Die Veranstalter bemühen sich in aller Regel darum, sagen aber auch, dass man viele mühsam „zum Jagen tragen“ muss. Unter anderem liegt das daran, dass die Orte, Bib­liotheken oder Literaturcafés, manchen unvertraut oder sogar ein wenig unheimlich sind. Die Resonanz war immer gut; vor allem wenn Rita dabei war und gesungen hat, wurde viel gelacht und geweint, das waren besonders gefühlvolle Abende.

 

Haben Sie auch in Zukunft vor, russlanddeutsche Lebensläufe in Buchform zu erzählen oder zu verfilmen?

So eine große Familiengeschichte wie „Ritas Leute“ werde ich gewiss nicht mehr schreiben, das hat vier lange Jahre gedauert und war irrsinnig anstrengend, seelisch und intellektuell, auch finanziell erschöpfend. Filme jederzeit gern – aber der Raum für anspruchsvolle Dokumentationen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen schwindet. Deshalb ist ein Echo wichtig, zum Beispiel Zuschauerbriefe an die Sender zu schreiben, Wünsche zu äußern.

 

Liebe Frau Lachauer, im Namen unserer Leser bedanke ich mich ganz herzlich für dieses aufschlussreiche Interview.