Mit Ulla Lachauer auf verschlungenen Wegen russlanddeutscher Familiengeschichten

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Ulla Lach­au­er                        Foto: Ste­pha­nie Schwei­gert, Rowohlt Ver­lag

Ulla Lach­au­er (geb. 1951 in Ahlen/Westfalen) ist Doku­men­tar­fil­me­rin, freie Jour­na­lis­tin und Buch­au­to­rin. Nach ihrem Buch „Ritas Leu­te — Eine deut­sch-rus­si­sche Fami­li­en­ge­schich­te“, das seit 2002 in vier­ter Auf­la­ge erschie­nen ist, folgt sie nun in ihrem Film „Die Hein­richs aus Kasach­stan“, der am 13. April 2012 im WDR (23.15–24.00) aus­ge­strahlt wird, den ver­schlun­ge­nen Spu­ren einer ande­ren russ­land­deut­schen Fami­li­en­ge­schich­te. Wie in „Ritas Leu­te”, das den Leser auf die Rei­se in das Unbe­kann­te, in „dunkle Zei­ten hin­ter dem eiser­nen Vor­hang” mit­nimmt, lernt man auch in „Die Hein­richs aus Kasach­stan“ Fak­ten und Mate­ria­li­en ken­nen, von denen hier­zu­lan­de zu wenig bis gar nichts bekannt ist. Im Buch wie im Film gelingt der Auto­rin am Bei­spiel der viel­fach ver­schlun­ge­nen Wege zwei­er russ­land­deut­scher Fami­li­en ein facet­ten­rei­cher Ein­bli­ck in die Geschich­te der Russ­land­deut­schen.

Nina Paul­sen (VadW) stell­te Ulla Lach­au­er eini­ge Fra­gen.

 

Lie­be Frau Lach­au­er, dass ein­hei­mi­sche Auto­ren The­men der russ­land­deut­schen Geschich­te auf­grei­fen, ist immer noch eine Aus­nah­me. Sie wen­den sich zum zwei­ten Mal die­ser The­ma­tik zu – zum ers­ten Mal in dem Buch „Ritas Leu­te — Eine deut­sch-rus­si­sche Fami­li­en­ge­schich­te“ und nun im WDR-Fern­seh­film „Die Hein­richs aus Kasach­stan“. Wie hat die­ses Inter­es­se ange­fan­gen?

Vie­les im Leben ist Zufall, ich lie­be Zufäl­le. Oder soll­te ich bes­ser sagen: glück­li­che Fügun­gen? 1995 habe ich im Rah­men einer Hilfs­ak­ti­on für eine jun­ge Frau aus Russ­land die damals 25-jäh­ri­ge Rita Pauls ken­nen gelernt. Wir haben uns ange­freun­det, und im Lau­fe der Zeit bin ich neu­gie­rig gewor­den auf ihre Fami­li­en­ge­schich­te. Schließ­li­ch habe ich Rita gefragt, ob sie Lust hät­te, gemein­sam mit mir die Odys­see der Pauls zu erfor­schen – wir haben uns bei­de kopf­über in die­ses Aben­teu­er gestürzt, nicht ahnend, wie lang­wie­rig und schwie­rig es sein wür­de.

 

Mit „Ritas Leu­te“ stell­ten Sie dem west­li­chen Leser eine Fami­li­en­ge­schich­te vor, deren Wur­zeln in West­preu­ßen, an der Wol­ga, im kasa­chi­schen Kara­gan­da, in den Step­pen West­si­bi­ri­ens und sogar in Kana­da lie­gen. Was hat Sie an der ver­schlun­ge­nen Geschich­te der Musi­ke­rin und Über­set­ze­rin Rita Pauls, die 1989 mit ihren Eltern von Kara­gan­da in die Bun­des­re­pu­blik aus­wan­der­te, gereizt, begeis­tert, erstaunt oder gar stut­zig gemacht? 

Neben ganz spon­ta­ner Neu­gier, die mich trieb, war es auch der Gedan­ke: Wir haben jetzt etwa drei Mil­lio­nen Zuwan­de­rer aus der Sowjet­uni­on, und unse­re Gesell­schaft weiß fast gar nichts über sie, weder die Regie­rung noch die Medi­en noch die Bür­ger. Wie tüch­tig waren sie als Sied­ler im Zaren­reich, was haben sie im 20. Jahr­hun­dert durch­lebt und erlit­ten? Sie sind unse­re Lands­leu­te, und zugleich sind wir ein­an­der sehr fremd, das woll­te ich ergrün­den. Es gab auch ein pri­va­tes Motiv: Mein Schwie­ger­va­ter ist vier Jah­re als Kriegs­ge­fan­ge­ner in Kara­gan­da gewe­sen, er hat dort in einem Stein­bruch gear­bei­tet. Auch die­se Spur, die mei­ner eige­nen Fami­lie, woll­te ich ver­fol­gen.

 

The­men der russischen/sowjetischen Ver­gan­gen­heit stan­den bei Ihren Recher­chen nicht nur ein­mal im Mit­tel­punkt, so bei­spiels­wei­se in den Fil­men „Kant, Königs­berg, Kali­nin­grad“ (1991), „Preu­ßens Osten, Russ­lands Wes­ten“ (1991), „Odes­sa“ (1993), „Kobe­lo­wo. Ein Dorf in der Tai­ga“ (1994) oder „Kara­gan­da. Die Stadt der Ver­bann­ten“ (2001). Sind Sie bei Ihren Recher­chen auch auf Russ­land­deut­sche in die­sen Regio­nen ge­stoßen? Wie haben Sie die­se ein­ge­schätzt?

Vor allem im Kali­nin­gra­der Gebiet bin ich immer wie­der auf Russ­land­deut­sche gesto­ßen. In den 1990er Jah­ren sind vie­le aus Mit­tel­asi­en dort­hin gekom­men, um eine Zukunft zu fin­den, jedoch sind die meis­ten dann wei­ter­ge­wan­dert nach Deutsch­land. Heu­te leben dort, soweit ich weiß, vor allem rus­si­sche Fami­li­en, die Ver­wand­te in Deutsch­land haben. Von Kali­nin­grad, dem west­lichs­ten Teil der GUS, ist die Ent­fer­nung nach Deutsch­land viel klei­ner als von Kara­gan­da oder Dsham­bul. Man rech­net damit, dass die Gren­zen bald durch­läs­si­ger wer­den, dann ist es nur noch ein Kat­zen­sprung bis Ber­lin oder Ham­burg.

 

Bei­de Fami­li­en­ge­schich­ten – der Fami­lie Pauls und der Fami­lie Hein­richs – haben einen men­no­ni­ti­schen Hin­ter­grund mit Platt­deut­sch als Spra­che des Her­zens. Ist das ein Zufall? 

Es war bei­de Male ein Zufall, dass ich im men­no­ni­ti­schen Milieu gelan­det bin. Für mich als gelern­te Katho­li­kin war es anfangs sehr fremd – das Glau­bens­ver­ständ­nis, die Karg­heit der Ritua­le, die schlep­pen­den, meist trau­ri­gen Lie­der. Spä­ter habe ich gemerkt, dass dies ein Vor­teil war: Die Men­no­ni­ten haben in der Sowjet­zeit beson­ders stark zusam­men­ge­hal­ten, mehr als vie­le ande­re Russ­land­deut­sche von ihrer Geschich­te bewahrt. Ich konn­te pro­fi­tie­ren von der guten Ver­net­zung der Men­no­ni­ten, ihren rei­chen Archi­ven; das „Men­no­ni­te Heri­ta­ge Cen­ter“ in Win­ni­peg, wo auch ein Teil der weit ver­zweig­ten Pauls-Fami­lie lebt, war eine Fund­gru­be.

 

Ihren Wer­ken wird immer wie­der die „Kom­bi­na­ti­on von wis­sen­schaft­li­cher Rele­vanz und hoch leben­di­gem Erzähl­stil“ beschei­nigt, wobei der Leser auf eine Rei­se vol­ler intel­lek­tu­el­ler Span­nung und kul­tur­po­li­ti­scher Über­ra­schun­gen mit­ge­nom­men wird. Auch in Ihrem Film neh­men Sie die Zuschau­er mit auf die Rei­se. Wohin geht sie? 

Die Odys­see der Fami­lie Hein­richs geht von West­preu­ßen an den Dnjepr, von dort wäh­rend des Krie­ges nach Deutsch­land, 1945 in die Gegend von Kostroma bzw. Tomsk, schließ­li­ch nach Süd­ka­sach­stan, in das Städt­chen Dsham­bul, auf dem Umweg über Litau­en sind sie 1978 nach Deutsch­land aus­ge­reist. Wir konn­ten nicht alle Sta­tio­nen besu­chen, wir haben  nur an drei mar­kan­ten Orten gefilmt, in den ehe­ma­li­gen men­no­ni­ti­schen Kolo­ni­en am Dnjepr, in Vil­ni­us und in Dsham­bul, wo ich noch nie war. Die­ser Süd­en Kasachstans, im hei­ßen Juli  die Land­schaft, die Baza­re –, hat mich sehr fas­zi­niert.

 

Das Buch ist in jah­re­lan­ger Fein­ar­beit ent­stan­den. Bio­gra­fi­en die­ser Qua­li­tät und mit sol­ch enor­mer Daten­in­ten­si­tät fand ich bis­her nur in wis­sen­schaft­li­chen Biblio­the­ken als Dis­ser­ta­ti­on. Die Öffent­lich­keit bzw. unser Buch­markt kennt so etwas kaum“, ist in einer Rezen­si­on zu Ihrem Buch „Ritas Leu­te“ zu lesen. Auch bei den Recher­chen für den Film ist inner­halb der eigent­li­chen Geschich­te sicher eine Viel­zahl von klei­ne­ren Geschich­ten ent­stan­den. Ist es Ihnen gelun­gen, die meis­ten im Film unter­zu­brin­gen?

In einem Film von 45 Minu­ten, der sich mit drei Gene­ra­tio­nen beschäf­tigt, blei­ben natür­li­ch vie­le Geschich­ten auf der Stre­cke. Hans und Lina Hein­richs erzäh­len zum Bei­spiel viel über die enorm kal­ten Win­ter und die wil­den Tie­re, die sie als Kin­der in der Ver­ban­nung erlebt haben; wir haben dar­aus nur eine Anek­do­te über die Wöl­fe in den Film auf­ge­nom­men. Der Hun­ger spielt in der Fami­li­en­ge­schich­te eine gro­ße Rol­le, allein dar­über hät­ten wir einen gan­zen Film machen kön­nen. Viel zu kurz kommt das Schick­sal der Jüngs­ten, von Hans, Peter und Robert Hein­richs, die bei der Ein­rei­se nach Deutsch­land Kin­der waren, aber trotz­dem viel zu kämp­fen hat­ten. Die­se har­te Pha­se der Exis­tenz­grün­dung in Det­mold konn­ten wir nur andeu­ten.

 

Sowohl das Buch als auch der Film ver­mit­teln dem deut­schen Leser bzw. Zuschau­er ein gewis­ses Ver­ständ­nis von Deut­schen aus Russ­land hier­zu­lan­de. Wie wür­den Sie es als Auto­rin beschrei­ben? Wel­ches Bild der Deut­schen aus Russ­land möch­ten Sie der deut­schen Öffent­lich­keit am Bei­spiel ein­zel­ner Fami­li­en­ge­schich­ten ver­mit­teln?

Etwas wei­ter­zu­ge­ben, was ich selbst gelernt habe. Zum Bei­spiel, dass es DIE Russ­land­deut­schen nicht gibt, son­dern eine unge­wöhn­li­che Viel­zahl von Her­künf­ten, Ver­hal­tens­wei­sen in der Sowjet­zeit, Aus­rei­se­mo­ti­ven etc. War­um sie zu uns gehö­ren, obwohl sie fast 200 Jah­re in rus­si­schen Kon­tex­ten gelebt haben und vie­le die Spra­che und Kul­tur ihrer deut­schen Vor­fah­ren ver­lo­ren haben. Es geht dar­um, sich ganz kon­kret vor­zu­stel­len, was den Deut­schen dort in der Sta­lin-Zeit wider­fah­ren ist. Unser hie­si­ger Geschichts­dis­kurs kreist ja um Hit­ler, da fehlt es ein­fach an Grund­kennt­nis­sen, an Ver­ständ­nis für das Leben unter die­ser öst­li­chen Dik­ta­tur, den All­tag z.B. in einem Kol­chos. Und natür­li­ch sind sol­che Defi­zi­te nicht von heu­te auf mor­gen zu bewäl­ti­gen, das ist eine Rie­sen­her­aus­for­de­rung, das dau­ert, man braucht viel Geduld – mei­ne Bücher und Fil­me sind auch ein Plä­doy­er für die Geduld.

 

Ein nicht gera­de gerin­ger Teil der Russ­land­deut­schen fin­det sich in Deutsch­land, dem Land der Vor­fah­ren, in einer gespal­te­nen Selbsti­denti­fi­ka­ti­on wie­der, etwa nach dem Mot­to „Mit Russ­land im Her­zen und Deutsch­land im Sinn“. Kön­nen Sie die­se Men­ta­li­tät nach­voll­zie­hen? Wie sehen Sie die­ses Phä­no­men lang­fris­tig?

Natür­li­ch ist, wer lan­ge in Russ­land und Mit­tel­asi­en gelebt hat, davon geprägt, vom Kli­ma, der Spra­che, Freund­schaf­ten, das kann man sich nicht ein­fach aus dem Her­zen rei­ßen. Und war­um auch? Inzwi­schen haben wir in Deutsch­land so vie­le Migran­ten, Men­schen, die in zwei oder mehr Kul­tu­ren leben, sind sehr zahl­reich heu­te. Bei den Russ­land­deut­schen gibt es sehr ver­schie­de­ne Stra­te­gi­en, damit umzu­ge­hen. Die Hein­richs in Det­mold etwa haben sehr rigo­ros alles Rus­si­sche abge­legt, sie wol­len damit nichts mehr zu tun haben. Wäh­rend für mei­ne Freun­din Rita Pauls, die mit 19 Jah­ren aus Kara­gan­da aus­reis­te, bei­de Kul­tu­ren wich­tig sind und blei­ben, sie sieht dar­in, glau­be ich, kei­nen Kon­flikt, son­dern einen Reich­tum.

 

Auch in Ihrem Film zei­gen Sie, dass die Inte­gra­ti­on der Zuge­wan­der­ten (nicht anders erging es den deut­schen Kolo­nis­ten im Rus­si­schen Reich im 18. und 19. Jahr­hun­dert) Zeit und viel­leicht Gene­ra­tio­nen braucht. Wie haben sich da aus Ihrer Sicht die Poli­tik und die Auf­nah­me­ge­sell­schaft zu ver­hal­ten?

Mög­lichst offen und tole­rant und zugleich unsen­ti­men­tal in dem Sin­ne, dass sie die Lands­leu­te aus Russ­land als Bür­ger mit allen Rech­ten und Pflich­ten behan­deln. Ohne deut­sche Spra­che geht nichts, Bil­dung ist wich­tig, wenn man vor­an­kom­men will, wer gegen Geset­ze ver­stößt, wird bestraft. Ich erin­ne­re mich, dass in den 1990er Jah­ren in der Poli­zei­sta­tis­tik das Delikt „Fischwil­de­rei“ enorm zunahm – das waren russ­land­deut­sche Jun­gen und Män­ner, die nicht wuss­ten oder ein­se­hen woll­ten, dass man hier­zu­lan­de einen Angel­schein braucht, anders als in der Tai­ga oder den wei­ten Step­pen, die sie gewohnt waren. Eine klei­ne Geschich­te, die für die vie­len Ver­stän­di­gungs­pro­ble­me steht. Nicht zuletzt, fin­de ich, soll­ten wir die neu­en Bür­ger her­aus­for­dern, sich zu betei­li­gen, an Wahlen, im Eltern­bei­rat, bei Ehren­äm­tern. Deutsch­land ist ein gutes Land, ich wün­sche mir eine Bür­ger­ge­sell­schaft, in der die Russ­land­deut­schen sich ein­brin­gen mit all ihren Erfah­run­gen, ihrer Geschich­te.

 

Sowohl bei den Recher­chen für „Ritas Leu­te“ als auch für „Die Hein­richs aus Kasach­stan“ haben Sie die Erfah­rung gemacht, dass die Russ­land­deut­schen das Ver­gan­ge­ne nicht so ein­fach auf­le­ben las­sen, nicht gern erzäh­len. Ist die­se Ver­hal­tens­wei­se gene­ra­tio­nen­be­dingt? Wie sind Sie dabei als „Frem­de“ vor­ge­gan­gen?

Vie­le Älte­re haben ein Trau­ma aus der Sow­jetzeit, dar­über zu spre­chen ist schwer. Vor allem in der Pha­se der Exis­tenz­grün­dung gibt es so viel Prak­ti­sches zu tun, so viel zu ler­nen, da tritt die Ver­gan­gen­heit zurück. Aber irgend­wann bricht sie auf, da brau­chen die Betref­fen­den jeman­den, der da ist, manch­mal auch The­ra­pie. Eine Frem­de wie ich kann dabei hilf­reich sein. Das Wich­tigs­te, fin­de ich, ist das Zuhö­ren, das lan­ge und geruh­sa­me Zuhö­ren. In mei­nen Gesprä­chen bin ich immer wie­der auf bestimm­te Tabus gesto­ßen, eines betrifft die Sowjet­zeit. Es fällt vie­len Russ­land­deut­schen schwer zuzu­ge­ben, wie sehr sie auch Sowjet­men­schen gewe­sen sind, geprägt vom Kom­so­mol, von Pro­pa­gan­da, Man­gel­wirt­schaft – dafür schä­men sie sich, dafür glau­ben sie, kein Ver­ständ­nis erwar­ten zu dür­fen. Aber auch das gehört eben zu einem wahr­haf­ti­gen Bild von sich selbst und dem Reden dazu. Und es gibt ja nicht nur Opfer, unter den Russ­land­deut­schen sind auch Übel­tä­ter. Ich ken­ne vie­le Geschich­ten aus dem Kol­chos, dass Vor­ge­setz­te sich die Not von Frau­en zunut­ze gemacht haben, die kein Brot für ihre Kin­der hat­ten – da gibt es alles, von der sexu­el­len Nöti­gung bis zur Ver­ge­wal­ti­gung. Unse­re hie­si­ge Jus­tiz kann das im Nach­hin­ein kaum ver­fol­gen, aber es bleibt als Belas­tung in den Leben der Fami­li­en, der Opfer wie der Täter.

 

Im Buch wie im Film lernt der Leser/Zuschauer vie­le lebens­fro­he Men­schen ken­nen. So wird im Buch viel gesun­gen, wobei sich platt­deut­sche Lie­der mit Folk­lore auf Hoch­deut­sch und rus­si­schen Wei­sen abwech­seln. Wor­in besteht die Lebens­lust der Hein­richs? Was sind die Stär­ken die­ser Fami­lie, die Sie im Film beson­ders her­aus­stel­len und die der Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­fa­mi­lie hel­fen zu über­le­ben und stark zu blei­ben?

Lebens­lust ist etwas Ursprüng­li­ches, Natür­li­ches, aber in die­sen Fami­li­en hat sie viel mit der Erfah­rung des Über­le­bens zu tun. Lebens­lust ist eng ver­bun­den mit Ver­lus­ten, der dunk­len Rück­sei­te, die man sel­ten zeigt, Frem­den schon gar nicht. Und mit dem zähen Wil­len, sich wie­der hoch­zu­rap­peln, selbst etwas auf die Bei­ne zu stel­len, eine Fami­lie zu grün­den, die­se zusam­men­zu­hal­ten. Die Hein­richs haben mit drei Gene­ra­tio­nen ein erfolg­rei­ches, im wei­ten Umkreis belieb­tes Auto­haus auf­ge­baut. Das ist eine gewal­ti­ge Leis­tung, und obwohl es nicht immer ein­fach ist, mit­ein­an­der zu leben, hal­ten sie zusam­men wie Pech und Schwe­fel.

 

Die älte­ren Gene­ra­tio­nen der russ­land­deut­schen Fami­li­en hiel­ten noch am Glau­ben ihrer Väter fest – im Film ist es das Men­no­ni­ten­tum. Wie ist die Bin­dung der jün­ge­ren Gene­ra­tio­nen zum Glau­ben ihrer Eltern und Groß­el­tern? Wie haben Sie das bei den Hein­richs erlebt? 

Bei den Hein­richs spielt der Glau­be eine wich­ti­ge Rol­le, bei dem einen mehr, bei dem ande­ren weni­ger. Sie gehö­ren ver­schie­de­nen men­no­ni­ti­schen oder bap­tis­ti­schen Gemein­den an, die Kin­der wer­den im Glau­ben erzo­gen, aber eher libe­ral, es darf auch gezwei­felt wer­den.

 

In „Ritas Leu­te“ sagt die Groß­mut­ter Maria Pauls: „Ich habe drei Hei­ma­ten: Lysanderhöh, Kara­gan­da und jetzt hier in Kehl. Ganz die Hei­mat ist nur Lysanderhöh.“ Wie sieht es bei den Hein­richs ange­sichts der vie­len Hei­ma­ten, denen sie zwangs­läu­fig oder frei­wil­lig ent­sagt haben, mit dem Ankom­men im „gelob­ten Land“ aus? Was kön­nen ande­re Zuwan­de­rer oder auch Ein­hei­mi­sche bei den ver­schie­de­nen Gene­ra­tio­nen die­ser Fami­lie ler­nen? 

Die Hein­richs wür­den eine ande­re Ant­wort geben als Maria Pauls. Sie haben heu­te nur eine Hei­mat, und die ist hier, in Det­mold. Sie woll­ten auch par­tout nicht mit unse­rem Film­team in die Län­der der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on rei­sen, das sei vor­bei, ganz und gar erle­digt. Doch ich hal­te es nicht für aus­ge­schlos­sen, dass die jetzt Her­an­wach­sen­den eines Tages Lust ver­spü­ren, nach Dsham­bul, Kostroma oder an den Dnjepr zu rei­sen. Jeder geht eben eige­ne Wege, und ich habe gelernt, dass es vie­le mög­li­che Wei­sen gibt, zu trau­ern, sich neu zu ori­en­tie­ren, Leh­ren zu zie­hen. Ich könn­te mir vor­stel­len, dass nach der Aus­strah­lung des Films eini­ge Kun­den des Auto­hau­ses den Hein­richs Fra­gen stel­len und dar­aus etwas ent­steht. Mir fällt eine Geschich­te von Hans Hein­richs, dem Seni­or­chef, ein. Wenn Kun­den ihn anspre­chen, war­um er denn so gut gelaunt sei, sagt er manch­mal: „Ach, ich bin ein­fach glück­li­ch. Mein Vater hat mich nie geschla­gen.“ Mit die­ser Ant­wort geben sich die Leu­te zufrie­den, sie ver­ste­hen die ver­steck­te Andeu­tung nicht: Dass Hans Hein­richs vater­los auf­ge­wach­sen ist, er hat sei­nen Vater nie gese­hen, das ist eine Wun­de in sei­nem Leben. Viel­leicht wer­den eini­ge Det­mol­der in Zukunft etwas hell­hö­ri­ger sein. Wer weiß?

 

Mit Ihrem Buch haben Sie zahl­rei­che Lesun­gen absol­viert und waren bei Podi­ums­ge­sprä­chen im Rah­men ver­schie­de­ner inte­gra­ti­ver Ver­an­stal­tun­gen, nicht sel­ten mit „Sin­gle­sun­gen” gemein­sam mit der Haupt­hel­din Rita Pauls. Wel­che Erfah­run­gen haben Sie da gemacht? Waren auch Deut­sche aus Russ­land bei den Lesun­gen? Wenn nicht, wor­an hat das aus Ihrer Sicht gele­gen? Wenn ja, wie haben Sie die Reso­nanz emp­fun­den?

Ich habe die­ses Buch in ers­ter Linie für mei­ne Leu­te, die Ein­hei­mi­schen, geschrie­ben. Dass Russ­land­deut­sche es lie­ben und mögen, habe ich nicht unbe­dingt erwar­tet, das ist für mich ein Geschenk. Auf den Lesun­gen waren und sind fast immer Russ­land­deut­sche, auch jun­ge Leu­te. Die Ver­an­stal­ter bemü­hen sich in aller Regel dar­um, sagen aber auch, dass man vie­le müh­sam „zum Jagen tra­gen“ muss. Unter ande­rem liegt das dar­an, dass die Orte, Bib­liotheken oder Lite­ra­tur­ca­fés, man­chen unver­traut oder sogar ein wenig unheim­li­ch sind. Die Reso­nanz war immer gut; vor allem wenn Rita dabei war und gesun­gen hat, wur­de viel gelacht und geweint, das waren beson­ders gefühl­vol­le Aben­de.

 

Haben Sie auch in Zukunft vor, russ­land­deut­sche Lebens­läu­fe in Buch­form zu erzäh­len oder zu ver­fil­men?

So eine gro­ße Fami­li­en­ge­schich­te wie „Ritas Leu­te“ wer­de ich gewiss nicht mehr schrei­ben, das hat vier lan­ge Jah­re gedau­ert und war irr­sin­nig anstren­gend, see­li­sch und intel­lek­tu­ell, auch finan­zi­ell erschöp­fend. Fil­me jeder­zeit gern – aber der Raum für anspruchs­vol­le Doku­men­ta­tio­nen im öffent­li­ch-recht­li­chen Fern­se­hen schwin­det. Des­halb ist ein Echo wich­tig, zum Bei­spiel Zuschau­er­brie­fe an die Sen­der zu schrei­ben, Wün­sche zu äußern.

 

Lie­be Frau Lach­au­er, im Namen unse­rer Leser bedan­ke ich mich ganz herz­li­ch für die­ses auf­schluss­rei­che Inter­view.