Rede Dr. Elena Seifert

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Dr. Elena Seifert – Hauptpreis des Russlanddeutschen Kulturpreises des Landes Baden-WürttembergRede bei der Preisverleihung am 22.10.2010 im Weißen Saal des Neuen Schlosses Stuttgart

 

Sehr geehrter Herr Minister Rech,

meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es ist mir eine besondere Ehre, hier zu sein und zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich freue mich sehr über die Auszeichnung mit dem Hauptpreis des Russlanddeutschen Kulturpreises des Landes Baden- Württemberg für meine Monographie zum Thema: „Genre und ethnisches Bild in der Poesie der Russlanddeutschen in der zweiten Hälfte des 20. – Anfang des 21. Jahrhunderts“. Eingangs mein herzlicher Dank an den Verleger Robert Burau und Irina Leinonen, der Ehegattin des Dichters Robert Leinonen, sowie viele andere Landsleute, die mich bei meiner Forschung und Arbeit selbstlos unterstützt haben.

Einige Wissenschaftler sind der Meinung, die russlanddeutsche Literatur sei eine Fiktion, doch ich nenne sie ein Phänomen. Denn nur ein Phänomen kann unter unerträglichen Bedingungen überleben.

Russlanddeutsche sind meist Nachkommen der nach Russland ausgewanderten Deutschen im 18. Und 19. Jahrhundert, zurzeit leben sie hauptsächlich in Deutschland und den GUS-Ländern (Russland, Kasachstan, der Ukraine, Kirgisien, Usbekistan etc.) und sind auch in baltischen Staaten, in Polen, Finnland, Israel oder den USA anzutreffen.

Russlanddeutsche und ihre Literatur sind eine Erscheinung, die vom wissenschaftlichen Gedanken noch nicht wirklich erschlossen worden ist. Sie selbst fühlen sich jedenfalls wohl – wie in der russischen so auch in der deutschen Kultur.

Dichter mit deutschen Wurzeln in Russland übten einen bedeutenden Einfluss auf die russische Poesie aus, wie beispielsweise W. Küchelbecker, A. Delwig im „goldenen Zeitalter“ und A. Block, S. Gippius im „silbernen Zeitalter“. Nach dem zweiten Weltkrieg und der Zerstreuung der Russlanddeutschen über weite Gebiete hinter dem Ural, wobei sie Hof und Heimat verlieren musste und sich zu einer Schicksalsgemeinschaft entwickelten, tritt die Eigenart der russlanddeutschen Literatur unter dem Einfluss eines gemeinsamen Schicksals deutlich zutage.

Als Folge der stalinistischen Repressionen verloren die Russlanddeutschen das Recht auf Hochschulbildung, die deutsche Sprache wurde eine geächtete Sprache. Die russlanddeutsche Literatur konnte jedoch überleben. Sie entwickelte sich weiter, wenn auch in einer entstellten Form.

Zu Sowjetzeiten gab es offiziell fünf deutsche Literaturkreise: In der BRD, der DDR, in Österreich, der deutschsprachigen Schweiz und unter Rumäniendeutschen. Wie wir sehen, nahm die Wissenschaft die russlanddeutsche Literatur in diese Liste nicht auf. Die Zeiten ändern sich, wir alle gemeinsam verfolgen eine besondere Mission – wir sind heute Zeugen der Wiedergeburt der russlanddeutschen Literatur.

Wie sieht die Gegenwart unserer Literatur aus? Was erwartet sie in der Zukunft?

Unsere Literatur ist eine Kunst, die von einer unverwechselbaren, jungen Ethnie hervorgebracht worden ist, deren Schicksal voller historischer Verwicklungen ist. Sie ist selbstständig und ein Teil der Weltliteratur. Nach einigen dramatischen Einbrüchen wie politische Repressionen der 1930er Jahre, die Deportation 1941 und das „große Schweigen“ und die massenhafte Auswanderung der Russlanddeutschen (einschließlich der Autoren und Leser) nach Deutschland in den 1990er Jahren beginnt sie ihre Kräfte zu sammeln, um eine eigenständige Literaturlandschaft zu entwickeln und für andere offen zu sein.

Unsere Literatur darf auf eine Reihe von talentierten Autoren wie Viktor Schnittke, Robert Weber, Waldemar Weber, Johann Warkentin, Wendelin Mangold, Igor Hergenröther, Alexander Reiser, Lia Frank, Johann Bär, Herold Belger, Viktor Heinz oder Alexander Schmidt stolz sein. Die Liste kann fortgesetzt werden. Aber sie ist nicht groß.

Die junge russlanddeutsche Literatur sammelt jetzt ihre Kräfte und zeigt, was sie kann. Unsere Literatur

ist derzeit nur Wenigen zugänglich. Damit wir uns dem breiten Leserkreis öffnen, müssen wir in erster Linie die Bücher von erstrangigen und talentierten russlanddeutschen Autoren in größeren Auflagen auflegen. Lasst diese Bücher in die Regalen jedes Russlanddeutschen einziehen!

Mit der Erforschung der Literatur der Russlanddeutschen beschäftige ich mich seit über zehn Jahren. In meiner wissenschaftlichen Monographie „Genre und ethnisches Weltbild in der Poesie der Russlanddeutschen in der zweiten Hälfte des 20. Jh. – Anfang des 21. Jh.“ Habe ich insgesamt das Schaffen von 406 russlanddeutschen Autoren dieser Zeitperiode untersucht.

Ich habe mich bemüht, in die russlanddeutsche Wirklichkeit einzutauchen. So ist dann auch aus diesem Wunsch heraus eine Skizzenreihe über russlanddeutsche Schriftsteller entstanden: Alexander Schmidt, Robert Leinonen und Nelly Wacker, um nur einige zu nennen, sowie Interviews mit Igor Hergenröther, Waldemar Weber,

Nadja Runde, der Witwe von Viktor Schnittke Jekaterina, den Verlegern Robert Burau und Alexander Barsukow. Diese Artikel sind in den Zeitungen „Deutsche Allgemeine Zeitung“, „Moskauer Deutsche Zeitung“, „Diplomatischer Kurier“, „Ost- West-Panorama“, „Kontakt“, „Literaturblätter“ und anderen Publikationen veröffentlicht worden. Ich habe vor, einen Sammelband der Kritik und Publizistik herauszugeben.

In schicksalhaften Zeitabschnitten zeigt eine Ethnie besonders deutlich und intensiv ihre nationale Prägung. Für mich ist sehr wichtig, die Literatur der eigenen Volksgruppe zu erforschen, da ich selbst eine Russlanddeutsche  bin.

In meiner Monographie habe ich den Versuch unternommen, mich über die vielfältige Analyse der Gattungslandschaft der Poesie der Russlanddeutschen an ihre Mentalität heranzutasten. Die Möglichkeit der Erforschung der Mentalität einer bestimmten Volksgruppe anhand von literarischen Texten ist nach der Meinung der Wissenschaftler sehr wohl gerechtfertigt. Ein Literaturwerk bzw. ein Kunstwerk ist immer ein Weltmodell. Die Literatur spiegelt die Wirklichkeit wider.

Aufgrund von literarischen, historischen, publizistischen oder epistolarischen Quellen habe ich versucht, das ethnische Weltbild der Russlanddeutschen zu rekonstruieren. Seine grundlegenden Elemente können folgendermaßen beschrieben werden: die Erkenntnis, von einer fremden Umwelt umgeben zu sein; die Existenz mittendrin in einer anderen/fremden Ethnie; das Bestreben zur Autonomie, Absonderung; die Priorität der Statik über der Dynamik; das Gefühl „Nirgendwo in der Heimat“ zu sein oder „überall eine Heimat“ zu haben; die

genetische Angst vor der Vertreibung; der Zustand einer dauerhaften Verwundbarkeit, Anfechtbarkeit; die Angst aus dem Mittelmaß herauszuragen; ein erhöhtes Interesse für die pflanzliche Symbolik (schwache Pflanzen, Pflanzen ohne Wurzeln); ein zugespitzter Wunsch nach einer gerechten Behandlung, einem gerechten Verhalten gegenüber der eigenen Ethnie; das Bestreben, die Eigenart/Besonderheit der eigenen Ethnie hervorzuheben; das bestreben zur Integration innerhalb der eigenen Ethnie. In der Monographie werden auch die grundlegendsten nationalen Begrifflichkeiten und Schlüsselbegriffe der Russlanddeutschen wie „das Heim“/“die Heimat“, „die Angst“ (wegen der Verwundbarkeit), „der Weg“, „die Verbannung“, „das Recht“, „die Gerechtigkeit“, „die Hoffnung“ definiert.

Die Russlanddeutschen sind in ihrer Mehrheit bilinguisch. Es können auch Unterschiede im deutschsprachigen und russischsprachigen Schaffen desselben Autors aufweisen. Zum Beispiel haben die Gedichte von Viktor Schnittke in deutscher Sprache aus meiner Sicht einen komplexeren Stil und sind in größerem Maße mit philosophischer Problematik gesättigt, als seine Gedichte in russischer Sprache. Es gibt Unterschiede bei der Darstellung von Raum und Zeit in der deutschsprachigen und russischsprachigen Lyrik von Schnittke.

Für den Ausdruck der Mentalität werden in den Werken der Russlanddeutschen auch die Ortsnamen genutzt. So sind für den zweisprachig schaffenden Dichter Viktor Schnittke immer wieder vorkommende Beschreibungen Moskaus charakteristisch, es kommt sogar zur Selbstidentifikation des lyrischen Helden mit Moskau. Charakteristischerweise tritt in den russischsprachigen Gedichten von Schnittke Moskau und in seinen deutschsprachigen Werken das Wolga-Gebiet als räumliche Dominante auf. Als dominierende zeitliche Koordinate wird in den russisch- und deutschsprachigen Versen Schnittkes mal die Gegenwart (Leben in Moskau), mal die vergangene Kindheit (Leben im deutschen Dorf) genutzt, was oft auch durch die Zeitform des Verbs zum Ausdruck kommt. Der lyrische Held in Schnittkes russischen Versen ist ein erwachsener Mann mit heutigen Problemen, während das lyrische „Ich“ seiner deutschsprachigen Gedichte als ein erwachsener Mann

dasteht, der in seine Vergangenheit, in die Zeiten zurückschaut, wo er ein Kind oder ein junger Mann war. Gerade deshalb sind für deutschsprachige Gedichte Schnittkes die Gestalten der Eltern und für die russischsprachigen die Gestalt der Geliebten so wichtig.

Das Thema der ethnischen Zugehörigkeit beschränkt sich bei Schnittke nicht auf das tragische Schicksal seiner Verwandten, sondern es umfasst die Tragödie aller Russlanddeutschen, derjenigen, denen „Heimat und Sprache genommen“, „das Heim verbrannt“ wurde und bei denen „im Herzen Verleugnung und Verwesung“ herrscht. Viktor Schnittke lebte in Russland, während viele russlanddeutsche Schriftsteller in den 1990er Jahren nach Deutschland aussiedelten.

Bis 1990 waren russlanddeutsche Literaturschaffende in Deutschland selten. Trotz der Ausdruckskraft und Vielseitigkeit einzelner Künstler (wie z.B. Johann Warkentin, der 1981 nach Deutschland ausgereist ist und sich als talentierter Dichter, Übersetzer, Literaturhistoriker und Kritiker zeigte), vermochten sie wegen ihrer geringen Zahl in Deutschland in der Zeit vor der massenhaften Ausreise der Russlanddeutschen keine eigene Tendenz im

Literaturbereich zu prägen. Aber seit Anfang der 1990er Jahre, wo der überwiegende Teil der Schriftsteller nach Deutschland gelangte, traten dort die Konturen einer neuen Literaturgruppe zutage.

Die Verbindungen russlanddeutscher Literaturschaffender mit Deutschland sind unterschiedlich. Es gibt eine Reihe von Schriftstellern, dessen schöpferischer Weg hauptsächlich mit Deutschland verbunden ist, sowie solche, die hier erst seit unlängst leben. So gestaltete sich z.B. das schöpferische Schicksal von Eleonore Hummel gerade in Deutschland: 1982 ist ihre Familie mit 12-jähriger Eleonore in die DDR ausgesiedelt. Das Schaffen von Hummel zeigt nicht so sehr russlanddeutsche, sondern vielmehr rein deutsche Züge. Der Publizist Gerhard

Wolter, Autor des bekannten Buches über die Arbeitsarmee „Zone der totalen Ruhe“, ist 1996 nach Deutschland ausgesiedelt und dort bereits im Jahr 1998 gestorben.

Viele russlanddeutsche Schriftsteller konnten bereits eine beträchtliche literarische Erfahrung nach Deutschland mitnehmen. Die Entstehungsgeschichte des einen oder anderen Werks kann mit Russland oder einem anderen GUS-Land verbunden sein, die Wahrnehmung eines solchen Texts wird schwieriger.

Von besonderer Mentalität der Russlanddeutschen zeugt auch das Bestehen russlanddeutscher Vereinigungen, russlanddeutscher Verlage und Ausgaben (sowohl in gedruckter wie auch in virtueller Form). So kann der von Agnes Giesbrecht gegründete „Literaturkreis der Deutschen aus Russland e. V.“ (Bonn) als eines der Beispiele der Konsolidierung russlanddeutscher Literaturschaffender in Deutschland angeführt werden.

Einer der ältesten bzw. leistungskräftigsten russlanddeutschen Verlage ist der BMV Verlag Robert Burau in Lage.

Dank ihm sind hochwertig aufgelegte Bücher vieler russlanddeutscher Verfasser erschienen. Ebenso wird jahrzehntelang im Verlag der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V. in Stuttgart schöngeistige, Dokumentar- und wissenschaftliche Literatur herausgegeben.

Von den Russlanddeutschen wird die Integration innerhalb ihrer eigenen Ethnie angestrebt, viele möchten sowohl im russischen als auch im deutschen Umfeld ihre Eigenart beibehalten. Gerade dadurch lässt sich oft das im subjektiven Gepräge ihrer Gedichte vorherrschende Pronomen „wir“ erklären.

Obwohl in Europa zurzeit ein gewaltiger Integrationsprozess läuft, braucht man sich trotzdem über den Schwund des Nationalen keine Sorgen zu machen. „Durch den geplanten Schwund von Grenzen in Europa wird die Bedeutung des Nationalen bei weitem nicht aufgehoben, ganz im Gegenteil, dadurch wird die Möglichkeit gegeben, fremde Kultur, ihre Einflussnahme auf die eigene Kultur einzuschätzen, ohne sich vor fremdländischer Aggressivität zu fürchten oder Gefahr zu laufen, davon verschluckt zu werden, denn der Umgang bietet sich in

freiwilliger Form an“ (W. Weber). Vor diesem Hintergrund besteht auch für Russlanddeutsche in Europa die Möglichkeit weiter, ihre nationale Eigenart zu erhalten.

Infolge der massenhaften Ausreise der Russlanddeutschen nach Deutschland (seit 1990) beginnt eine gewisse Spaltung in Russlanddeutschen in den GUS-Ländern und Deutsche aus Russland bzw. den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in Deutschland, obwohl die Einigkeit der Russlanddeutschen als Ethnie erhalten bleibt.

In der russlanddeutschen Poesie macht sich ein stark ausgeprägtes, scharfes Interesse für das Thema und die Motive der Heimat und des trauten Heims bemerkbar. Diese Motive kommen bei jedem der 406 untersuchten Verfasser vor. Ein Unterschied des deutschen (mit Heim) und des russlanddeutschen Weltmodells (Streben nach einem Heim) besteht im Vorhandensein des trauten Heims bzw. einem Weg dazu, im Bestreben, es zu erlangen.

Auf der Grundlage der bei der Vorbereitung meiner Doktorarbeit gesammelten Erfahrungen werden von mir Empfehlungen für die Zusammenstellung einer Anthologie der Werke russlanddeutscher Literatur der 2. Hälfte des 20. Jh. – Anfang des 21. Jh. formuliert: Ich begründe die Notwendigkeit der Herausgabe einer neuen Anthologie der russlanddeutschen Literatur, erkläre die Konzeption, Struktur, Ziele und Aufgaben sowie die Auswahl der Autoren und der Themenbereiche einer zeitgenössischen Anthologie der russlanddeutschen Literatur. Die neue Anthologie soll als „goldene Sammlung“ der russlanddeutschen Literatur der 2. Hälfte des 20. Jh. -Anfang des 21. Jh. Gedacht werden. Als Arbeitstitel des Sammelbandes habe ich vorgeschlagen: „Ein Mund mit zwei Sprachen… „

Es ist wichtig, sich um die Herausbildung eines neuen Zweiges russlanddeutscher Schriftsteller zu engagieren, von denen vieles abhängt. Während der Deportationen und in der darauffolgenden Zeit wurde die Generationsnachfolge russlanddeutscher Schriftsteller zwar unterbrochen, ist jedoch nicht ganz verschwunden. Für die Unterbrechung dieser Nachfolge gab es viele Gründe: In erster Linie ging es dabei um (moralische wie auch physische) Vernichtung russlanddeutscher Schriftsteller, ihre entlegene Ansiedlung (Isolierung) weit von Kulturzentren. Die Deutschen hatten weder die Möglichkeit, eine Hochschulbildung (auch fachlich im Literaturbereich) zu erwerben, noch nicht einmal die Möglichkeit, ihre Muttersprache zu pflegen oder sich dem Literaturschaffen zu widmen. Darüber hinaus gab es eine strenge Zensur der Publikationen.

Unter diesen harten Bedingungen hat sich unter den Russlanddeutschen ein besonderer Lesertyp entwickelt, der sowohl als Leser wie auch als Mitverfasser in einem auftrat und die Fähigkeit hatte, den Sinn der national

geprägten Allusionen/Anspielungen zu verstehen, die vom Autor eingebauten Lücken selbst aufzufüllen, den unausgesprochenen Gedanken aufzuspüren. Damit war die russlanddeutsche Literatur meist wenig verständlich für breites Publikum.

Die überwiegende Mehrheit russlanddeutscher Schriftsteller, die im sowjetischen und postsowjetischen Raum lebten, wanderte nach Deutschland aus, nur einige wenige von ihnen blieben in den GUS-Staaten. In Russland machen sich bei Russlanddeutschen deutsche Eigenschaften stärker bemerkbar, in Deutschland hingegen treten russische Eigenschaften deutlicher in den Vordergrund. Ein russlanddeutscher Literaturschaffender, wo immer er lebt, verliert seinen Leser.

Es gilt, die russlanddeutsche Literatur dem breiten Kreis der Leserschaft näher zu bringen und ihm vertraut zu machen. Es ist wichtig, den Büchermarkt mit hochwertiger russlanddeutscher Literatur anzureichern, sie dem Leser zugänglich zu machen, während der Verfasser einsehen sollte, dass der deutsche und russische Büchermarkt nur in der Originalsprache oder in hochwertiger Übersetzung erschlossen werden kann.

Wenn ein Autor in Deutschland lebt und dort seine russischsprachigen Werke verfasst, kann er in der historischen Heimat nur mit einer gewissen Popularität im engeren Kreis rechnen. Seine Werke kann er am besten in Russland in russischer Sprache oder in Deutschland in deutscher Übersetzung an den Leser bringen.

Ist es nicht der Fall, entsteht (und das ist heutzutage die Realität) ein geschlossener Kreis: Die russlanddeutsche Literatur ist unbekannt, sie wird weder gelesen, noch studiert. Die neue Anthologie, inhaltlich hochwertig und gekonnt vermarktet, könnte diesen Teufelskreis durchbrechen.

Zurzeit erlebt die russlanddeutsche Literatur eine Phase der Erneuerung. Seit Ende der 1980er – Anfang der 1990er Jahre hatte der Literaturprozess so etwas wie den Atem angehalten. Man könnte annehmen, dass der Stagnierungs- und Einbruchsprozess, der alle Literaturen postsowjetischer Zeit der ehemaligen Sowjetunion gefangen hielt und bei dem fast sämtliche Schriftsteller ihren beruflichen Status und ihre finanzielle Basis einbüßten, die ohnehin geplagte russlanddeutsche Literatur noch weiter abschwächen würde. Jedoch gab es gleichzeitig auch viele positive Seiten. Die literarischen Werke der postsowjetischen Zeit von Autoren aller Nationalitäten erlebten eine Aufwertung dank der ideologischen Freiheit. Darüber hinaus konnten sich frühere sowjetische Literaturschaffende in jener Zeit in die Vielfalt der zeitgenössischen und „zurückerlangten“ Weltliteratur vertiefen.

Die veränderte Situation im Lande verlieh den Russlanddeutschen einen besonders starken Impuls, denn sie waren zwar an die literarische Freiheit nicht gewohnt, hatten jedoch bereits eine gewisse Immunität bei der

Überwindung von Schwierigkeiten entwickelt. Und sie ließen sich auch durch die fehlenden Honorare nicht entmutigen.

Selbstverständlich wurde die russlanddeutsche Literatur jener Jahre durch die Unterteilung der Russlanddeutschen in „ausgewanderte Russlanddeutsche“ und „gebliebene/GUS-Russlanddeutsche“ sowie durch die unvollendete Zweisprachigkeit etwas untergraben. Wenn jeder russlanddeutscher Literaturschaffender Russisch und Deutsch als Sprachen seines Schaffens beherrscht hätte, wäre die Bindung im Autoren- und Lesermilieu viel enger gewesen. Für die Autoren, die in Deutschland leben, ist es wichtig, in deutscher Sprache zu schreiben, um an einen breiteren Leserkreis zu kommen und auch die Aufmerksamkeit der einheimischen

Leser zu gewinnen. Und diejenigen, die Russisch schreiben, sollten ihre Werke in der russischen Periodika in Russland veröffentlichen und sich auf den russischen Markt wagen. Andere Wege zur Anerkennung, und jeder Schriftsteller und Dichter möchte das, gibt es nicht.

Die inneren Reserven der russlanddeutschen Ethnie trugen zur verstärkten Integration russlanddeutscher Schriftsteller in Deutschland bei. In den 1990er Jahren begann die Wiedergeburt der deutschen Sprache im schöpferischen Bereich.

Die restlichen Schriftsteller, die die Nachfolgestaaten der Sowjetunion nicht verlassen haben, erlangten unter anderem auch im Druckwesen – im ausreichenden Maße gleiches Mitspracherecht, wie auch alle anderen.

Längere Zeit wurde die russlanddeutsche Literatur keiner allseitigen Untersuchung unterzogen und daher kam logischerweise die Frage danach auf, warum eigentlich gleichzeitig mit dem Beginn der Erneuerung der Literatur und dem erwachenden Interesse für die Geschichte der Russlanddeutschen und ihre Ethnographie kein ähnliches Interesse für die Geschichte der russlanddeutschen Literatur entstand. Der dabei entstehende Widerspruch, nämlich: „Die verzerrte Geschichte wurde untersucht, die verzerrte Literatur hingegen nicht“, ist sowohl

wahr, als auch imaginär. Die Entwicklung der Literaturgeschichte (wie auch die von Theater, Musik, Malerei und sonstigen Kunstgattungen) steht im direkten Zusammenhang mit dem Verlauf der Geschichte. Vielleicht kommt es hier auf die Reihenfolge in dem Sinne an, dass zuerst die Geschichte rekonstruiert werden soll und erst danach auf ihrer Basis die Kultur und Kunst an der Reihe seien? In Wirklichkeit sieht die Situation anders aus. Bei der Untersuchung der Geschichte eines Volkes werden gleichzeitig auch die Wege bei der Fortbewegung seiner Kunst und Kultur untersucht.

Dr. habil. Elena Seifert,

Mitglied des Schriftstellerverbandes Moskau

Mitglied des Verbandes der Übersetzer Russlands