Russlanddeutscher Kulturpreis

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Bereits zum achten Mal wurde am 22. Oktober im Weißen Saal des Neuen Schlosses in Stuttgart der Russlanddeutsche Kulturpreis des Patenlandes der Landsmannschaft, Baden-Württemberg, verliehen. Mit dem Hauptpreis wurde die Literaturwissenschaftlerin Dr. Elena Seifert ausgezeichnet, der Förderpreis ging an die Journalistin Merle Hilbk, die Ehrengabe an die Autorin Agnes Gossen-Giesbrecht.

Wie Innenminister Heribert Rech in seiner Festrede bei der Feierstunde, die vom „Trio porteno“ musikalisch umrahmt wurde, betonte, bringt das Land mit dem Russlanddeutschen Kulturpreis seine Verbundenheit mit der Volksgruppe der Russlanddeutschen zum Ausdruck.

Gleichzeitig sei die Preisverleihung ein Bekenntnis zum Erhalt der Kultur der Deutschen aus Russland. „Das kulturelle Erbe, das die Deutschen aus Russland als unsichtbares Fluchtgepäck in ihre neue Heimat mitgebracht haben, darf nicht verloren gehen. Es gehört zum geistig-kulturellen Vermögen unseres ganzen Volkes und ist Teil der gesamten deutschen Kultur. Wir wollen es bewahren und weitergeben“, so der Minister.

Mit dem Kulturpreis leiste Baden-Württemberg einen wichtigen Beitrag, das kollektive Gedächtnis der Deutschen aus Russland lebendig zu halten. Ganz in diesem Sinne deckten die Preisträgerinnen ein breites Spektrum literarischen Schaffens ab. Sie hätten Bemerkenswertes geleistet und sich um den Erhalt des kulturellen Erbes der Russlanddeutschen verdient gemacht.

Im weiteren Verlauf seiner Rede erinnerte Rech an die lange gemeinsame Geschichte der Russlanddeutschen und des heutigen Landes Baden-Württemberg, aber auch an die Schwierigkeiten, mit denen es für die Deutschen in der ehemaligen Sowjetunion über Jahrzehnte verbunden war, sich zu ihrer deutschen Identität und Kultur zu bekennen.

 

Die Preisträgerinnen

Die Laudationes (Rede) auf die Preisträgerinnen hielt der stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft und Jury-Vorsitzende Dr. Alfred Eisfeld, der bereits in seiner Begrüßungsrede auf die beachtliche Anzahl russlanddeutscher Dichter, Schriftsteller und Publizisten verwiesen hatte, die mit Preisen in Deutschland, Österreich, Russland und Kasachstan ausgezeichnet wurden.

In seiner Würdigung der Hauptpreisträgerin Dr. Elena Seifert bezeichnete er deren Arbeit zum Thema „Genre und das ethnische Bild in der Poesie der Russlanddeutschen in der zweiten Hälfte des 20. – Anfang des 21. Jahrhunderts“ als höchstrangige wissenschaftliche Arbeit über die Poesie der Russlanddeutschen. Der Autorin sei es gelungen, mit Methoden der Literaturwissenschaft nicht nur die veröffentlichten Texte von nicht weniger als 406  Literaten zu untersuchen, sondern auch zahlreiche nicht veröffentlichte Texte und zahlreiche Briefe in die Analyse mit einzubeziehen.

Dr. Elena Seifert ist als Russlanddeutsche in Karaganda zur Welt gekommen, Sie hat dort die Schule besucht, Philologie, russische Sprache und Literatur studiert und ihr Berufsleben als Hochschullehrerin begonnen. Heute lebt und lehrt sie in Moskau.

In ihrem Referat zum Abschluss der Feierstunde betonte Dr. Elena Seifert die Notwendigkeit, „den Büchermarkt mit hochwertiger russlanddeutscher Literatur anzureichern, sie dem Leser zugänglich zu machen, während der Verfasser einsehen sollte, dass der deutsche und russische Büchermarkt nur in der Originalsprache oder in hochwertiger Übersetzung erschlossen werden kann“.

Allgemein wurde bedauert, dass ihre eigene Veröffentlichung bisher nur in russischer Sprache vorliegt – eine Übersetzung ins Deutsche des äußerst umfangreichen Werkes ist in Vorbereitung.

Die Gewinnerin des Förderpreises, Merle Hilbk, ist keine Deutsche aus Russland, deren Schicksal es aber, so Dr. Eisfeld in seiner Laudatio, gewollt habe, dass sie „entfernte Verwandte aus einer anderen, unbekannten Welt, eben Russlanddeutsche“ kennen lernte. Dadurch motiviert, habe sie sich auf eine Rundreise begeben.  Die dabei gewonnenen Erkenntnisse, die sie in ihrem Buch „Die Chaussee der Enthusiasten – Eine Reise durch das russische Deutschland“ zusammengefasst hat, seien zwar scharfsinnig formuliert, aber nicht immer sachgerecht. Dennoch werde der Leser darin auch „viel Wahres, allzu Bekanntes“ finden.

Mit der Ehrengabe wurde die langjährige Leiterin des Literaturkreises der Deutschen aus Russland, Agnes Gossen-Giesbrecht, ausgezeichnet, die sich wie kaum eine Zweite um die Förderung russlanddeutscher Schriftsteller in der Bundesrepublik verdient gemacht hat. Nicht zuletzt ihr ist es nach den Worten Dr. Eisfelds zu verdanken, dass sich der Literaturkreis nach bescheidenen Anfängen Mitte der 1990er Jahre zu einer respektablen Organisation mit über 90 Mitgliedern entwickelt hat, die über 50 Bücher, Almanache, Anthologien und Gedenkbücher in deutscher und russischer Sprache herausgebracht hat. Damit hätten die Deutschen aus Russland Teile ihres Kulturerbes pflegen und weiterentwickeln und es einem breiteren Publikum zugänglich machen können.