Zeitzeugenserie „Russlanddeutsche in München…“

Standard
Projekt: „Neue Bürger lernen und erfahren Solidarität in München“ 

Maßnahmetitel Az.. 312/2609000650

Veranstaltung

Zeitzeugenserie „Russlanddeutsche in München: Biografien – Hintergründe – Perspektiven. Einblicke aus Geschichte, Kultur, Politik und Gesellschaft“
Ort: Kulturzentrum „Giesinger Bahnhof“, Giesinger Bahnhofplatz 1, 81539 München

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Datum: 21.11.2016, 18:30-21:00
Zeitzeuge: Eugen Hörner
Gesprächs- und Diskussionsleitung: Peter Hilkes

Verlauf und Ergebnisse

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Der in der Nähe von Nowosibirsk geborene Zeitzeuge reiht sich mit seiner besonderen und teilweise ungewöhnlichen, dadurch jedoch besonders interessanten Biographie in die Reihe der bedeutenden Zeitzeugengespräche ein. Insbesondere durch seine Großmutter erfuhr Eugen Hörner bereits im Kindesalter vom „besonderen Status“, der die Deutschen aus Russland bzw. Russlanddeutschen (im Folgenden: RD) besonders kennzeichnete. Dies gilt für das Schicksal von deportierten und gestorbenen Verwandten. Als „Nationalität ohne Rechtsstatus“ erfuhr auch Hörner Diskriminierung in der Schule, jedoch wehrte er sich vehement dagegen. Die durch die Familie übermittelte Orientierung auf die deutsche Sprache und Kultur sowie auf Deutschland war prägend und bestimmte Hörners Leben in der UdSSR.

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Für die Nicht-RD unter den Anwesenden beschrieb der Zeitzeuge seinen pragmatischen Umgang mit den Lebensumständen. Er schloss trotz widriger Umstände eine Ausbildung zum Geodesisten ab, galt als kompetenter Fachmann und wurde vom öffentlichen Arbeitgeber zu zahlreichen Projekten entsandt. Dies führte ihn in entlegene Regionen Sibiriens, aber auch nach Usbekistan und Kasachstan. Gleichzeitig blieb das Bestreben der Familie, nach Deutschland auszureisen.

Mit der Ausreise von Verwandten in den 1970er Jahren nach Deutschland setzte die Familie auf Besuchsreisen in die Bundesrepublik, um sich zu informieren und orientieren. Damit war auch Eugen Hörner auf das Leben in Deutschland gut vorbereitet. Versuche, wegen des Ausreiseantrags Mitte der 1970er Jahre Hörner zu benachteiligen scheiterten, da seine Fachkompetenz gefragt war und er es geschickt verstand, dem zu entgehen.

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Derartig auf die Bundesrepublik Deutschland vorbereitet, fand er nach der Ausreise Ende der 1970er Jahre recht bald eine Arbeit, die Hörner bis zum Ende des normalen Erwerbslebens inne hatte. Seinen beruflichen Erfolg ist mit den vorab vorhandenen Kenntnissen, den Erfahrungen in der UdSSR und dem zielgerichteten Gestalten der beruflichen Laufbahn verbunden.

Die Zugehörigkeit zu einer Großfamilie sicherte auch die Überwindung von Problemen, etwa durch die neue „Unübersichtlichkeit“ in Deutschland. Das „Leben in einer Schachtel“ in der Sowjetunion wurde vom „Leben in Ordnern“ in Deutschland ersetzt. Teile der Großfamilie gelangten früh zur LmDR und waren in führender Funktion tätig. Vor dem Hintergrund der nach Deutschland gelangenden Flüchtlingsströme kam es Hörner in dem Gespräch darauf an, einen geregelten Zuzug zu etablieren und insbesondere auf das Einhalten von Regeln der Zuwanderer in einem freien Land zu setzen.

In der Diskussion bekräftigten die Nicht-RD die ungewöhnliche, da unbekannte, aber sehr interessante Biographie des Zeitzeugen. Insbesondere der Grad der Informiertheit über Deutschland und die klare Orientierung darauf im Herkunftsland hat entsprechend überrascht. Es hat sich im Laufe der Zeit diese „andere“ Sicht auf die Dinge entwickelt, die für Russlanddeutsche eher untypisch ist. Auch die Rolle der eigenen Identität, in diesem Fall der deutschen, war ein grundsätzliches Thema, über das im Verhältnis zu anderen Identitäten (z. B. russisch, „bayerisch“) lebhaft debattiert wurde. Die dabei übermittelte Offenheit ist nicht selbstverständlich, da eher die Ausnahme.

Auf beeindruckende Weise gab Hörner Einblicke in die sowjetische Arbeitswelt – einen Bereich, den viele heute schon „vergessen“ haben. Auch darauf ging man in der Diskussion ein.

Dass ein Journalist des Bayerischen Rundfunks anwesend war, der im Rahmen der Veranstaltung Aufnahmen für eine geplante Radiosendung machte, unterstreicht das öffentliche Interesse an der Zeitzeugenserie.

Peter Hilkes, Projektleiter                                                                                        25.1.2016