Pressemitteilung. Zur neuen Dauerausstellung „Du bist Teil der Geschichte“ im Haus der Geschichte
Stuttgart, 05.02.2026
Das Haus der Geschichte in Bonn zählt zu den bedeutendsten Museen zur deutschen Zeitgeschichte. Mit der neu konzipierten Dauerausstellung „Du bist Teil der Geschichte“ erhebt das Museum den Anspruch, die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland seit 1945 umfassend darzustellen und politische, gesellschaftliche sowie kulturelle Veränderungen erlebbar zu machen. Dieser Anspruch wird jedoch an einer zentralen Stelle gravierend verfehlt.
Wer die Ausstellung besucht, wird unweigerlich mit der Botschaft konfrontiert: Du bist Teil der Geschichte.
Für Russlanddeutsche gilt diese Botschaft offenbar nicht.
Trotz eines erklärten Fokus auf Migration, Demokratisierung, Teilung und Wiedervereinigung bleibt die größte Migrantengruppen der Bundesrepublik – die russlanddeutschen Heimkehrer und Spätaussiedler – in nahezu allen dargestellten Epochen vollständig unsichtbar.
Wir fragen und provozieren: Ist es ein Versehen, oder strukturelles Auslassen.
Besonders problematisch ist die Darstellung der Zeit „1990 bis heute“. Hier werden die russlanddeutschen Heimkehrer faktisch auf einen russischen Supermarkt reduziert. Ein Regal mit Produkten aus dem sogenannten „Mix-Markt“, einige russischsprachige Bücher und eine kleine Infotafel – mehr nicht. Diese Objekte haben nicht einmal annähernd etwas mit der Geschichte der Deutschen in Russland zu tun. Im Gegenteil: Sie dokumentieren einen beliebigen russischen Haushalt, nicht jedoch das historische Schicksal, die Verfolgung, die Deportationen, den Arbeitszwang, die Entrechtung und schließlich die Rückkehr von Millionen Deutschen aus der Sowjetunion nach Deutschland.
Besonders irritierend ist zudem, dass auf der Infotafel Aussiedler und jüdische Kontingentflüchtlinge ohne Differenzierung „in einen Topf geworfen“ werden – zwei völlig unterschiedliche Migrationsgeschichten mit eigenen historischen Hintergründen. Auch wenn wir im Leid verbunden sind, eine solche Gleichsetzung wird der historischen Realität in keiner Weise gerecht. Wer sich zuvor bereits über eine großformatige Stalin-Statue wundert, die ohne jede kritische Einordnung im Raum steht, erkennt spätestens an dieser Stelle: Russlanddeutsche werden in dieser Ausstellung weder repräsentiert noch ernst genommen.
Umso unverständlicher ist dieser Umgang, da andere Migrationsgeschichten deutlich differenzierter und würdevoller dargestellt werden. Die Geschichte der sogenannten Gastarbeiter etwa wird nicht auf eine Dönerbude reduziert, sondern als gesellschaftsprägende Leistung anerkannt. Warum wird diese Maßstäblichkeit den Russlanddeutschen verweigert?
Gerade angesichts der gesetzten Themenschwerpunkte wäre es ein Leichtes gewesen, das Schicksal von Millionen Deutschen aus der Sowjetunion sichtbar zu machen: ihre jahrzehntelange Entrechtung, ihre Loyalität zu Deutschland, ihre Integrationsleistung und ihren Beitrag zur Bundesrepublik. Stattdessen bleibt eine historische Leerstelle – in einer Ausstellung, die vorgibt, Teilhabe sichtbar zu machen.
Besonders empörend ist zudem, dass keine einzige Fachorganisation der Russlanddeutschen, darunter auch die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, in die Konzeption dieses Ausstellungsteils einbezogen wurde. Die ausgewiesenen Experten aus der Community wurden weder kontaktiert noch angehört. Ein solcher Umgang ist nicht nur fachlich unverständlich, sondern auch kulturpolitisch inakzeptabel.
Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland fordert das Haus der Geschichte nachdrücklich auf, diese eklatanten Mängel zu korrigieren. Russlanddeutsche sind Teil der Geschichte dieses Landes – wir sind Teil einer Gesellschaft in Deutschland. Wir sind Steuerzahler, Bürger, Wähler, Nachbar oder Arbeitskollege. Und wir haben ein Recht darauf, auch im Haus der Geschichte sichtbar, korrekt und würdig dargestellt zu werden.
Alles andere ist Geschichtsverkürzung.
Norbert Strohmaier
Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V.



